Sprache

 

Systemische Perspektive

 

Linguieren

Maturana (Maturana & Varela 1972, Vgl. Maturana 1982, Maturana 1988a, Maturana 1990a, Maturana 1990b) bestreitet, daß menschliche Kommunikation allein auf die Benutzung von Sprache, das heißt auf ein fertig vorhandenes Zeichensystem zurückgeht, denn das würde bedeuten, daß Sprache dem Sprechen vorausgeht, und es wäre dann unmöglich zu erklären, wie das System Sprache, das ein hohes Maß an Verhaltenskoordination voraussetzt, überhaupt entstehen konnte. Um die sprachliche Existenz des Menschen zu erklären, muß nach Maturana aufgezeigt werden, wie autopoietische und operational geschlossene Lebewesen ihr Verhalten untereinander koordinieren. Koordination findet nach Maturana dann statt, wenn die notwendigen Anfangsstrukturen der strukturellen Bereitschaft und der Plastiziät gegeben sind, so daß die beteiligten Lebewesen unter Einhaltung ihrer jeweiligen Organisation interagieren und durch Wiederholungen Interaktionsmuster ausbilden können.

Unter einem operationalen Blickwinkel findet Interaktion dann statt, wenn Individuen zusammentreffen und dabei wechselseitig strukturelle Veränderungen auslösen. Durch Wiederholungen kommt es allmählich zur strukturellen Koppelung, wobei sich sensuelle Strukturen der Lebewesen aneinander annähern und Bereiche der Konsensualität bilden. Dieser Prozeß endet, wenn es zu Strukturveränderungen kommt, die den konsensuellen Bereich überschreiten und so keinen Anschluß ermöglichen. Bereiche sinnlicher Koordination bilden sich demnach spontan durch rekurrente Interaktion. Alle Lebewesen können ihr Verhalten mit dem anderer koordinieren, wobei dies nach Maturana ein Wesensmerkmal biologischer Strukturen ist. Die Vielfalt der konsensuellen Bereiche geht je nach der strukturellen Beschaffenheit der beteiligten Organismen aus der Geschichte ihrer Interaktion hervor. Bei Menschen ist sie angesichts der unbegrenzten Kombinationsmöglichkeiten der Sprache potentiell unendlich.

Wenn in menschlicher Interaktion neue Möglichkeiten erprobt werden, öffnet sich ein Bereich der Verhaltenskoordination zweiter Ordnung, den Maturana "Linguieren" (Maturana 1990b) nennt. Dieses Phänomen tritt auf, sofern im konsensuellen Miteinander durch Laute, Gesten etc. eine Form der Verhaltenskoordination, ein Sprachverhalten entsteht, das sich auf andere Verhaltenskoordinationen bezieht und diese steuert oder gar ersetzt. Das Ergebnis ist Sprache im weitesten Sinn. Linguieren bedeutet also, Verhaltenskoordination konsensuell zu koordinieren und Sprache ist damit die konsensuelle Koordination konsensuell koordinierter Handlungen.

Sprache kann sich als selbstreferentielles System nur auf Sprache beziehen. Insofern konstituiert Linguieren einen rekursiv geschlossenen und unentrinnbaren Bereich, der nur durch Schweigen, das nicht zum Thema menschlicher Kommunikation würde, zu verlassen wäre. Die Objekte der menschlichen Welt und der Mensch selbst als Beobachter entstehen in sprachlicher Koordination der Verhaltenskoordination, wodurch sich die Existenz von Objekten nur sprachlich-konsensuell beschreibend nachweisen läßt.

Verglichen mit der Verhaltenskoordination im Bereich des konkreten Handelns ist das Unterscheidungspotential der Sprache prinzipiell unbegrenzt, da sich jede Koordination vielfältig beschreiben läßt. Nach Maturana geht darauf die immense Bandbreite der menschlichen Seinsweisen zurück. Dennoch haben Wörter und Gesten keine eigene Bedeutung, und sie denotieren oder konotieren keine unabhängigen Objekte, sondern sind diejenigen sprachlichen Unterscheidungen, auf die Menschen sich beziehen, wenn von Objekten die Rede ist. Linguieren liegt also der menschlichen Lebensweise zugrunde und bildet damit einen eigenständigen Phänomenbereich, sofern "/.../ ein Beobachter feststellen kann, daß die Objekte unserer sprachlichen Unterscheidungen unserer Sprachsphäre angehören." (Maturana & Varela 1972 226) Der von Maturana oft gebrauchte Aphorismus, "Alles Gesagte wird von einem Beobachter gesagt" (Maturana 1982 8), definiert also das menschliche Sein als sprachliches Miteinander.

Im Sinne koordinierter körperlicher Strukturveränderungen setzt Linguieren voraus, daß die notwendigen biologischen Strukturen unversehrt sind und bleiben. Dennoch ist dieses Phänomen nicht im Organismus angesiedelt, sondern im Bereich zwischenmenschlicher Konsensualität, d. h. Linguieren hat zwar eine physiologische Basis und setzt intakte Strukturen voraus, ist selbst aber kein neurophysiologisches Phänomen.

Menschen sind multidimensionale Systeme mit einer variablen körperlichen Dynamik. Zwischen körperlichen Zuständen und Linguieren herrscht eine Wechselwirkung, die gemäß Maturana durch Emotionen gesteuert wird. Darunter versteht er körperliche Zustände, die das Verhalten disponieren und den Handlungsbereich eines Organismus festlegen.

"Als Emotionen faßt ein Beobachter die körperliche Dynamik eines Lebewesens, die seinen Handlungsbereich spezifiziert." (Maturana 1990a 33)

Leben geschieht im Fließen emotionaler Zustände, die Interaktionen begleiten und ihre Richtung bestimmen. Das Übergehen von einem emotionalen Zustand in den anderen nennt Maturana "Emotionieren" (Maturana 1990b). Erfolgt dieser Übergang konsensuell abgestimmt, spricht er von "Ko-Emotionieren" (Maturana 1990b). In der Verflechtung körperlicher Zustände mit Interaktionen kommt es zu Überschneidungen der spezifisch menschlichen Lebensweise mit der anderer Organismen. Bei diesem "Konversieren" (Maturana 1990b) spielen die gemeinsamen Handlungen eine wichtigere Rolle als die Inhalte. Es ist auch nicht durch den Austausch von Bedeutungen geprägt, sondern durch die Lust am Miteinander, am gemeinsamen Aufbau konsensueller Bereiche, die sich zu einer Interaktionsgeschichte verbinden und den Hintergrund bilden, aus dem das menschliche Leben erst seinen Sinn bezieht.

Die systemische Konzeption des Menschen als linguierendes Lebewesen definiert ihn als biologisch-individuelles und kommunikatives Lebewesen, das zugleich autonom und sprachlich bedingt ist und damit auf andere, ihm ähnliche Lebewesen angewiesen ist. Beide Bestimmungen des Menschen durch seine biologische Struktur und seine Sprachlichkeit ziehen die Grenzen, zwischen denen das Lebensmilieu des Menschen variieren darf, ohne ihm unverträglich zu werden. Konversieren liegt im Zentrum der menschlichen Existenz und erfordert daher die Existenz gleichartiger und autonomer Menschen, denn das Ich entsteht und verwirklicht sich nur im Miteinander mit einem unabhängigen Du, und damit im Wir. Im Unterschied zur tierischen oder rein dinglichen Existenz ist das Wir demnach die Grundbedingung des menschlichen Lebensmilieus. Durch die Logik der Sprache kann der Mensch anders als Tiere auch die existentielle Berechtigung seiner selbst und das Wir negieren, ja sogar die gemeinsame Lebenswelt vernichten. Menschen müssen ihr Miteinander daher über konsensfähige Normen regeln, um die durch Sprache erworbenen destruktiven Neigungen einzudämmen.

 

Sprache und Existenz

Im systemischen Denken besteht der Mensch als lebendes System aus autopoietischen Komponenten, die sich der übergeordneten Organisation Leben unterordnen. Er hat aber den spezifischen Existenzbereich Sprache, der ihn grundlegend von allen anderen Lebewesen unterscheidet.

Emotionen wirken in Maturanas Denkgebäude zunächst als Fremdkörper, da sie sich nicht beobachten lassen und daher der wissenschaftlichen Forschung entziehen. Sie entsprechen aber der Absicht Maturanas, auch Soziales biologisch zu erklären.

Sprachliche Unterscheidungen bringen Einheiten hervor und erzeugen oder konstitutieren Objekte der materiellen oder der geistigen Welt. Die gesamte menschliche Lebenswelt besteht nur aus den Beschreibungen, mit denen Erfahrungen formuliert werden. Zwar lassen sich Erfahrungen nicht vollständig beschreiben, aber der Mensch hat keinen anderen Zugang zu seinen Erfahrungen als über die Sprache. Ob etwas existiert, zielt im Grunde auf das empirische Hervorbringen einer Einheit in Form der Frage, "Aufgrund welcher Unterscheidung läßt sich die beschriebene Erfahrung reproduzieren?", ab. Alle konsensuellen Existenzaussagen stützen sich auf die operationale Reproduktion von Erfahrungen, wobei sich der Mensch in der Regel auf Kriterien seiner sprachlich-konsensuellen Gemeinschaft verläßt.

Die Verwurzelung jeder Einheit in der Unterscheidung, die sie hervorbrachte, hat ontologische Folgen für die Einheit und für den Beobachter. Erstens verleiht das Hervorbringen einer Einheit durch einen Menschen dieser Existenz und weist ihr einen eigenen Existenzbereich zu, in dem sie durch Interaktion erkennbar wird, und zweitens bringt jeder Mensch nur Einheiten hervor, die seiner speziellen, ontogenetisch gewachsenen kognitiven Struktur entstammen und lebt damit in derjenigen Welt, die sein Organismus erzeugt.

Die Grundthesen des systemischen Denkens in Bezug auf Sprache lassen sich nach Ludewig (Ludewig 31995) folgendermaßen zusammenfassen:

Alles Gesagte wird von einem Beobachter gesagt.

Ein Beobachter ist ein linguierendes Wesen.

Alles Gesagte wird linguierend erzeugt.

Realitäten sind Argumente des Konversierens.

Systeme sind linguierend hervorgebrachte und komplexe Einheiten.

 

Multiversa

Jede Welt ist als Produkt eines Lebensprozesses damit einmalig und in sich begründet. Maturana schlägt in diesem Zusammenhang vor, nicht von einem allumfassenden Universum, sondern von vielen verschiedenen, parallelen und vor allem individuellen "Multiversa" (Maturana 1982) zu sprechen. Wenn es einen privilegierten, vom Beobachter unabhängigen Zugang zu einer "wahren" Welt nicht geben kann, läßt sich auch keine Seinsweise "an sich" oder "objektiv" gegenüber anderen als besser, gerechter, menschlicher etc. rechtfertigen. "Realität" existiert nur als "Realität" des Wahrnehmenden. Dieselbe "äußere" Situation kann sich in vielen Realitäten erweisen und keine kann als besser als die übrigen bezeichnet werden. Das Bild der "Realität" ist in einer Weise passend, daß der Mensch in dieser "Realität" überleben kann (Vgl. Segal 1988). Von Glasersfeld drückt das folgendermaßen aus:

"Radikaler Konstruktivismus ist weniger schöpferisch als pragmatisch. Er leugnet keine ontologische "Realität" er spricht dem menschlichen Erfahrenden lediglich die Möglichkeit ab, ein wahres Abbild von ihr zu erlangen. Das menschliche Subjekt kann dieser Welt nur dort begegnen, wo eine Denk- und Handlungsweise das angestrebte Ziel verfehlt - aber bei allen solchen Fehlschlägen gibt es keine Möglichkeit zu entscheiden, ob der Mangel an Erfolg auf eine Unzulänglichkeit des gewählten Zuganges oder auf ein unabhängiges ontologisches Hindernis zurückzuführen ist. Was wir "Erkenntnis" nennen, ist also die Karte der Pfade von Handlungen und Gedanken, die sich zu diesem Zeitpunkt auf dem Kurs unserer Erfahrung als viabel erwiesen hat." (Von Glasersfeld in: Segal 1988 86-87)

 

Personzentrierte Perspektive

 

Gespräch

In der Gesprächspsychotherapie sind für Fehringer (Fehringer 1992) die grundlegendsten Elemente eines Gesprächs das Hören und das Sprechen sowie das Da-sein zweier Personen.

"In der Therapie ist Sprache die Vermöglichung des Werdens. Sprache bringt sich als "Da-sein" zur Auslegung /.../." (Fehringer 1992 368)

Die Grundannahme der Gesprächspsychotherapie ist, daß Persönlichkeitsentwicklung in einer zwischenmenschlichen Beziehung dann möglich wird, wenn die Gesprächspartner bestimmte Haltungen verwirklichen. Als die drei notwendigen und hinreichenden Bedingungen für hilfreiche und förderliche Gespräche gelten nach Carl Rogers folgende drei gleich wichtige und entscheidende Qualitäten, die zumindest einer von zwei Gesprächspartnern wirksam werden lassen sollte:

Empathie, d. h. nicht - wertend, einfühlend sein;

Der Gesprächspartner versucht, sich in die innere Erlebniswelt seines Gegenübers einzufühlen und diese zu spüren. Er bemüht sich "/.../ unter die Haut des anderen zu schlüpfen, /.../ [und] in seinen Schuhen ein paar Schritte in seiner Welt zu gehen." (Tausch&Tausch 1978 1933) Je mehr der Therapeut den Klienten einfühlend versteht, desto weniger direktiv wird er vorgehen und desto größer wird seine therapeutische Fähigkeit sein.

"Empathie bedeutet, die private Wahrnehmungswelt des anderen zu betreten und darin ganz und gar heimisch zu werden. Sie beinhaltet, in jedem Augenblick das Gespür zu haben für die sich ändernden gefühlten Bedeutungen in dieser anderen Person, für Furcht, Wut, Herzlichkeit, Verwirrung oder was auch immer sie erlebend empfindet." (Rogers 1980 79)

Akzeptanz, d. h. respektvoll, warm, sorgend sein;

Respektvoll, herzlich und ohne Einschränkung dem anderen Gegenüberzutreten, wurde von Rogers als weitere entscheidende Variable definiert. Wertschätzung bedeutet vor allem ein "/.../ Akzeptieren des anderen Individuums als eine eigenständige Person, eine Hochachtung vor ihm, dem Wert aus eigenem Recht zukommt." (Rogers 1974 29)

Authentizität, d. h. echt, innerlich, übereinstimmend sein;

Der Gesprächspartner muß sich selbst als mit sich übereinstimmende Person erleben. Sollte sich das Verhalten des einen Gesprächspartners von seinem inneren Erleben und Fühlen fortwährend unterscheiden, so würde solch eine Unechtheit und Fassadenhaftigkeit die positive Entwicklung des anderen Gesprächspartners massiv einschränken. Anstelle einer echten Du-Du-Beziehung käme bloß eine Begegnung einer professionellen Maske mit einer hilfesuchenden Person zustande. Diese Echtheit und Selbstkongruenz wird als die Fähigkeit der Kontaktaufnahme und des In-Kontakt-Seins mit sich selbst charakterisiert, wodurch es in hohem Maße gelingt, wesentliche Anteile seiner selbst, vor allem negativ besetzte, nicht abzuspalten oder zu ignorien. Echtheit bedeutet in diesem Sinne kommunikative Aufrichtigkeit und den Verzicht auf alle Fassadenhaftigkeit. Echtheit führt nach Rogers zu sich selbst, und von da gewinnt der eine Offenheit für den anderen, und beide befinden sich schließlich in einer qualitativ besseren Beziehung.

Diese sogenannten personzentrierten Grundhaltungen und die durch die Verwirklichung dieser Haltungen sich ereignenden Aktivitäten der Gesprächspartner sind nach Rogers die notwendigen und hinreichenden Bedingungen für Gespräche, die einen Prozeß der Verbesserung der Situation und des Wohlbefindens der Teilnehmer in Gang setzen. Die in solchen Gesprächen entstehende Beziehung zwischen den Gesprächspartnern wird nicht nur durch die Inhalte des Gespräch bestimmt, sondern auch durch nonverbale und meist nicht bewußt wahrgenommene Qualitäten.

Wenn also via CMC zwischenmenschliche Beziehungen, in denen Persönlichkeitsentwicklung und ein Gefühl des Wohlbefindens vorhanden sind, möglich sein sollen, so müssen vom Standpunkt des personzentrierten Ansatzes Empathie, gegenseitige Akzeptanz und Authentizität für die Gesprächteilnehmer spürbar sein. Die drei personenzentrierten Variablen sind Eigenschaften, die Personen haben sollen und schreiben der Art und Weise der Sprache an sich keine Bedeutung zu. Im ersten Entwicklungsstadium ging der personzentrierte Ansatz zwar von Gesprächen mit persönlicher Anwesenheit der Gesprächspartner aus, doch haben weitere Forschungen (Vgl. Tausch & Tausch 1978) auch andere Interaktionsformen, wie z. B. Brief oder Telephon, als ebenso wirkungsvoll erwiesen.

 

Dialog

Jedes psychotherapeutische Gespräch ist nach Sullivan (Sullivan 1976) als Dialog ein System von Prozessen der Veränderung. Die Stimme ist dabei neben allen nichtverbalen Aspekten des Austausches der primäre Träger der Kommunikation in einem psychotherapeutischen Gespräch, das in den meisten Fällen auf einer Zweierbeziehung fundiert, wobei je nach Situation und Gesprächsthema immer wieder andere, dem Patienten wichtige Personen in dieser Zweierbeziehung, die Therapeut und zu Therapierender eingegangen sind, ebenfalls präsent sind.

"Für mich stellt sich ein solches Gespräch als Situation der primär stimmlichen Kommunikation einer Zweiergruppe dar, die mehr oder weniger freiwillig entstanden ist und sich stufenweise auf der Basis Fachmann - Ratsuchender entfaltet, um charakteristische Verhaltensmuster im Leben des Analysanden, Patienten oder Ratsuchenden zu klären, welche dieser als besonders belastend oder wertvoll empfindet und von deren Klärung er sich einen Gewinn verspricht." (Sullivan 1976 2)

 

Emotionen

Es ist das Postulat einer psychotherapeutischen Behandlung, durch den Austausch von Worten und Sätzen einen wirksamen Heilungsprozeß zu initiieren. In der Gesprächspsychotherapie wird dieser Heilungsprozeß durch das auf Sprache beruhende Konzept der Verbalisierung emotionaler Erlebnisinhalte, das in der Therapeutenvariable des einfühlenden, nichtwertenden Verstehens zusammengefaßt wird, erreicht. Die Wichtigkeit und die Effektivität dieses Konzepts ist hinreichend empirisch untersucht und im Großen und Ganzen als positiv beurteilt worden (Vgl. Tausch & Tausch 1979).

Gerade der personzentrierte Ansatz mißt zwischenmenschlichen Beziehungen allerhöchste Bedeutung zu und sieht im sprachlichen Ausdruck von Gefühlen eine positive Wirkung auf das Individuum. Rogers legt in seinen Werken das Hauptaugenmerk auf die inhaltlichen Schwerpunkte der sprachlichen Äußerungen seiner Klienten und nicht auf Form und Funktion von Sprache an sich. Eine Facette der Bedeutung der Sprache im therapeutischen Prozeß greift Rogers allerdings explizit heraus, nämlich, daß der Klient entdeckt, daß er vieles nicht ausdrücken kann, "/.../ daß er die Sprache der Empfindungen und der Emotionen erlernen muß, wie wenn er ein Säugling wäre, der das Sprechen lernt; schlimmer noch, oft findet er, daß er eine falsche Sprache verlernen muß, ehe er die richtige erlernen kann." (Rogers 1983 202) Den Grund dieses Defizits sieht Rogers darin begründet, daß sich die meisten Menschen normalerweise nicht sonderlich darum bemühen, "/.../ Symbole und Bedeutungen in der Welt der Empfindungen miteinander zur Deckung zu bringen" (Rogers 1983 201), wohingegen kognitive Inhalte meist sprachlich sehr genau gefaßt werden können. In der ersten Phase der Therapie werden nach Rogers hauptsächlich Probleme und Symptome zur Sprache gebracht, aber im weiteren Verlauf wird mehr und mehr Verständnis für die Hintergründe der Handlungen geäußert, Gegenwärtiges mehr als Vergangenes bearbeitet, immer mehr positive Gefühle ausgesprochen und in zunehmendem Maße Zukunftsperspektiven, die von neuen Einsichten in die gegenwärtige Situation geprägt sind, in den Mittelpunkt gerückt.

 

Verbale Welt

Das Rollengefüge und die Beziehung zwischen Therapeut und Klient sowie das personzentrierte Arbeitsbündnis und das therapeutische Setting sind nach Scobel (Scobel 1983) die wichtigsten Bedingungen, die den Rahmen für die Bearbeitung seelischer Prozesse und die Behebung krankmachender Vorgänge im Klienten schaffen. Diese Faktoren bestimmen den therapeutischen Dialog und das Gesprächsangebot des Therapeuten und konstituieren die auf die Bearbeitung seelischer Inhalte zugeschnittene Realität der klientenzentrierten Psychotherapie. Gemeinsam schaffen dadurch der Therapeut und der Klient eine für den jeweiligen Klienten spezifische verbale Welt. Diese sprachliche Welt der Gesprächspartner ist für die beiden Menschen genauso real wie die Welt der sinnlich wahrnehmbaren Dinge, und in beiden Welten korrelieren Wahrheit und Wirklichkeit.

Die moderne Linguistik hat aufgezeigt, daß Denken und verbale Kommunikation ohne das Symbolsystem Sprache nicht möglich sind. Sprache bestimmt das Denken und umgekehrt, denn beide Phänomene sind untrennbar miteinander verbunden. Jede Sprache, jeder Dialekt, jede Überlieferung einer Sprachgemeinschaft enthält eine spezifische Auffassung, Ansicht und Struktur von Welt. Wortschatz und Struktur einer Sprache bestimmen das Symbolisationsvermögen, das Bewußtsein und die Wahrnehmungs- und Gedankenmuster, nach denen die Welt erkannt und gehandhabt wird. (Vgl. Whorf 1956) Dies trifft auch auf die Bedeutung von Sprache in der Gesprächspsychotherapie zu.

"Durch die gegenseitige Beeinflussung von Klient und Therapeut im psychotherapeutischen Dialog, im Miteinander-Sprechen, durch die Kraft des klientenzentrierten Sprechens (=Verbalisieren) und durch die darin zum Ausdruck kommende Theorie, Orientierung und Überzeugung des Psychotherapeuten wird die verbale Welt der klientenbezogenen Therapie über die Vorbereitung durch außersprachliche Faktoren hinaus unwiderruflich definiert und wirklich-gesetzt, wird die verbale Welt der Psychotherapie - das Gesprochene zwischen Klient und Therapeut - zur faktischen, zur tatsächlich vorhandenen Realität der Beteiligten: und zwar zu ihrer besonderen Welt, die erst einmal nur für die Psychotherapiestunde und die jeweils beteiligten Individuen gilt." (Scobel 1983 95-96)

Personzentrierte Psychotherapie konstruiert also ebenfalls eine spezifische Welt und Sichtweise der Realität durch die Schaffung neuer bzw. die Betonung bestimmter alltagssprachlicher Begriffe. Durch das Zusammentreffen zweier je eigener verbaler Welten von Therapeut und Klient und das erneute In-Beziehung-Setzen dieser beider Welten zueinander werden in der Gesprächspsychotherapie Prozesse der Veränderung in Gang gebracht, die eine den jeweiligen Zustand verbessernde und in diesem Sinne heilende Wirkung auf den Klienten haben.

Das Sprechen des Therapeuten unterscheidet sich vom alltagssprachlichen System durch die besonders trainierte Fähigkeit, so intensiv wie möglich zuzuhören, um selbst das bloß Angedeutete und Gedachte wahrzunehmen. Nach Rogers ist alltagssprachliche menschliche Kommunikation durch Bewertungen, Beurteilungen und Mißbilligungen geprägt, was einem tiefgreifendem und grundlegendem Verständnis der beiden miteinander Sprechenden im Weg stünde. Der klientenzentrierte Therapeut versucht, jede Bewertung oder Mißbilligung zu vermeiden und seinem Klienten statt dessen eine echte, warmherzige und offene Wertschätzung entgegenzubringen, ihn rundherum positiv zu sehen und zu bewerten und mit dem Klienten gemeinsam vor allem durch das Verbalisieren emotionaler Erlebnisinhalte des Klienten ein intentionales und zielgerichtetes System gesprochener Sprache zu schaffen. Im therapeutischen Prozeß wird damit die verbale Wirklichkeit des Klienten beeinflußt und auch korrigiert, die psychischen Störungen des Betroffenen werden zutage befördert und der Prozeß eines angemessenen und konfliktlösenden Bedeutungswandels angestrebt. Sprache wird somit zum eigentlichen Instrument des Prozesses der Selbstexploration des Klienten.