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FRAUEN!
das
Andere Geschlecht?(Das Symposion des Renner-Instituts, 10-11 November 1999)
Foto: Petra Spiola
Alice Schwarzer
Am 10.November 1999 lud das Renner-Institut zu einem Vortrag von Alice Schwarzer in den kleinen Festsaal der Universität Wien ein. Die Fragestellung ihres Vortrags: Wie aktuell ist Simone de Beauvoir heute? beantwortete sie gleich zu Beginn mit: "So aktuell wie noch nie!" Denn Fremdenhass und Frauenhass seien nicht zu trennen: Frauen stellen immer den ersten „anderen“ dar, noch bevor der Fremde in den Blick kommt. In beiden drückt sich eine Form von Männlichkeit aus, die sich über Gewalt definiert. Vorbildhaft in Sachen Gewaltbekämpfung sieht Schwarzer das neue österreichische Verweisungsrecht, das gewalttätige Männer aus dem Haushalt verweist. Die wieder neu entstehende Männerbündlerei, die sich im rechten Lager als „neue Männlichkeit“ zu etablieren sucht, könne als Antwort auf den „aufrechten Gang“ der Frauen anzusehen sei, sich nicht mehr auf Kirche-Kinder-Küche beschränken zu lassen, sondern einen qualifizierten Beruf und eine wirkliche Partnerschaft nicht nur auf dem Papier einzufordern. Für die junge Generation von Frauen ist es selbstverständlich, einen Beruf auszuüben - die Vereinbarkeit von Kindern und Berufstätigkeit stellt jedoch nach wie vor ein großes Problem dar: kein Wunder, dass immer weniger Frauen dazu bereit sind, kleine „Karrierehemmer“ in die Welt zu setzen (Der Standard, 12.11.1999). Auch wenn in den letzten 50 Jahren viel erreicht wurde, ist insbesondere die Machtfrage nach wie vor nicht gelöst. So zeigt sich immer wieder, dass sich die Frauenpolitik parteipolitischen Interessen unterordnen müsse. „Seit 25 Jahren macht mich die Halbherzigkeit bei den Sozialdemokraten nervös, “deponierte sie gegenüber der Frauenministerin Barbara Prammer in einer nachfolgenden Diskussion. Vielleicht ist es wirklich an der Zeit, wie eine Wortmeldung aus dem Publikum bemerkte, dass die Frauen ihre Zukunft selbst in die Hand nehmen und- eine „Frauenpartei“ als Antwort auf die Machtfrage (Der Standard, 12.11.1999) gründen.
Foto: Petra Spiola
E. Fleisch-Prost, I. Korotin, M. Messner,
B. Serloths, Y. Raynova, S. Sohn
Am
nächsten Tag wurde neben Simone de Beauvoir das feministische Erbe von drei weiteren - meist
vergessenen - feministischen Theoretikerinnen in Form von Vorträgen
thematisiert. Die Sitzung wurde von der
Präsidentin der Simone de Beauvoir - Gesellschaft, Susanne
Sohn,
eröffnet. In einem kurzen Vortrag stellte sie das Leben Beauvoirs sowie
die intellektuelle Atmosphäre ihrer Zeit vor. Danach folgte
Edith Fleisch-Prost mit
ihrem Vortrag über Rosa Mayreder (1958-1938), die nicht nur mit ihrem
1904 erschienen Werk Zur Kritik
der Weiblichkeit, sondern auch durch ihre aktive Beteiligung an der
ersten Frauenbewegung (sie war Mitbegründerin des Allgemeinen Österreichischen
Frauenvereins) einen wesentlichen Beitrag zur Befreiung der Frauen, aber
auch zur Friedensbewegung, leistete. Bereits lange vor Beauvoir - jedoch
verschüttet von den Ereignissen vor und im zweiten Weltkrieg - warnte
sie vor den Fallen der Mutterschaft und den Gefahren seiner Mythologisierung. Ilse
Korotin
stellte Charlotte Bühler (1893-1974) vor, die bis zu ihrer Emigration
1938 nach London als Professorin an der 3.Lehrkanzel für
Philosophie
an der Universität Wien lehrte. Der Umstand, dass eine Frau bereits
zu diesem Zeitpunkt Professorin am Institut für Philosophie ist lange
Zeit der völligen Vergessenheit anheimgegeben worden. Ab 1945 wurde
Bühler in den USA zur Mitbegründerin der „Humanistischen Psychologie“.
Sie machte Untersuchungen zur Kinder- und Jugendpsychologie und Studien
zur Erforschung des menschlichen Lebenslaufes auf der Basis vergleichender
Betrachtung von Biographien. Barbara
Serloths
Vortrag widmete sich Alice- Rühle-Gerstel (1894-1943), sich nicht
nur vom Bürgertum und der vorgegebenen Geschlechterrolle, sondern
auch gegenüber der Sozialdemokratie emanzipiert hatte. Bereits 1932
wies sie in ihrem Werk Frau und Kapitalismus darauf hin, dass das
„zweite“ Geschlecht durch Erziehung erzeugt werde. Als eine der ersten
Wissenschafterinnen, prangerte sie die Tradierung der Unterdrückung
der Frauen durch die Gewerkschaftsbewegung an, da diese eine Verschlechterung
der Lohn- und Arbeitsbedingungen ihrer Mitglieder durch die Zulassung von
Frauen befürchtete. Gemeinsam
ist allen diesen drei Vorträgen, dass es sich bei den drei Frauen
um zu ihrer Zeit bereits sehr bekannte und berühmte Persönlichkeiten
handelte - deren Namen heute völlig aus dem Gedächtnis entschwunden
sind. Dies zeigt einmal mehr, wie sehr die feministische Theorie von der
Gefahr der Geschichtslosigkeit überschattet ist - und wie wichtig
es wäre, sich in verstärktem Maße auf seine Vorreiterinnen
rück
zu besinnen. Insofern stellte das Konzept des Rennerinstitutes - das Beauvoirsymposion
in einen Rückblick auf bedeutende Frauen dieses Jahrhunderts einzubinden,
einen wichtigen Impuls dar, dem geschichtlichen Vergessen endlich einen
Riegel vorzuschieben. Macht sich doch auch in Bezug auf Beauvoir oft die
Ansicht breit, dass ihr Werk uns heute nichts mehr zu sagen hat - womit
sie dem Vergessen preis gegeben wird. Unter dem Motto: „Nie mehr von Neuem
anfangen zu müssen“, zeigte sich einmal mehr, die Wichtigkeit, gegen
Geschichtsverlust anzukämpfen und eine kontinuierlich Tradition aufzubauen.
Foto: Petra Spiola
Yvanka
Raynova
hob in ihrem Vortrag über Beauvoir deren Aktualität hervor. Sie
interpretierte Beauvoirs Hauptwerk Das andere Geschlecht als eine
„Philosophie des Ausgeschlossenseins“, das eine methodologische Auseinandersetzung
mit dem männlichen Macht- und Legitimationsdiskurs darstellt, in dem
die Frauen zur „Anderen“ gemacht werden. Ausgehend von der Frage: „Gibt
es überhaupt Frauen? - und „Was ist eine Frau?, bestehe die eigentliche
Aufgabe des Feminismus, so wie ihn Beauvoir sieht, nicht in der Dekonstruktion
der Kategorie Frau, sondern in der Abschaffung der Jahrtausende alten,
durch Unterdrückung und Mythologisierung gekennzeichneten Situation
der Frau. Die Frau durch ihre Situation zu erklären und nicht die
Situation der Frau aus ihrer Natur, heißt somit, dass die Andersheit
der Frau, bzw. ihre vermeinte „Negativität“, ihr „Mangel“, nicht etwas
Gegebenes sind, sondern etwas Konstituiertes. Beauvoir zeigt, dass durch
die männliche Subjektsetzung die Frauen im Prinzip von allen Tätigkeiten,
die mit dem Subjektsein, mit Transzendenz und schlechthin mit der eigentlichen
- öffentlichen und kreativen - Existenz verbunden sind, ausgeschlossen
wurden. Dies gelang ihnen dadurch, dass alle Teile des Wissens dazu benutzt
werden, um die Unterlegenheit der Frau zu „beweisen“. Zuerst wird ein Unterschied
gesucht, durch diesen wird dann ein Mythos geschaffen, wodurch bestimmte
Simulakren entstehen, die sich dann als „objektiv“ geben. Dem „Ewigweiblichen“
entspricht die „schwarze Seele“ und der „jüdische Charakter“.
Yvanka
Raynova endete mit der These, dass Beauvoir im Anderen Geschlecht
einen wichtigen Übergang von der existentialistischen Moral zu einer
feministischen Ethik der Gerechtigkeit vollzogen hat, die mehrere Transformationsstufen
erfordert, nämlich, von der individuellen Konversion der Frauen, d.h.
der Entmythologisierung der Mythen der weiblichen Natur, über die
kollektive Konversion, d.h. die Dekonstruktion des dualistischen Oppositionsdenkens
und des damit verbundenen Denkens in Feindbildern, hin zur Erschaffung
einer neuen Situation, wo die Frauen, bzw. die Ausgeschlossenen, als gleichwertig
an Sein, Transzendenz und Freiheit anerkannt werden.
Foto: Petra Spiola
Die Podiumsdiskussion am Nachmittag bot nun Raum für konkrete feministische Forderungen und Perspektiven für das 21.Jahrhundert. Susanne Feigl, Elisabeth Holzleithner, Doris Knecht, Susanne Moser und Andrea Kuntzl stellten in kurzen Impulsreferate ihre Forderungen vor. Während Susanne Moser mehr Grundsatzdiskussionen einforderte, in denen Begriffe wie Familie, Arbeit und Reproduktion auf ihre feudalen Wurzeln und ihre geschlechterdiskriminierenden Folgen hin untersucht werden sollten, sowie die sozialen Bedürfnisse der Menschen und dabei insbesondere der Frauen in einem neuen Gesellschaftsvertrag abgesichert und garantiert sehen sollten, brachte Andrea Kuntzl das Dilemma zum Ausdruck, das im politischen Alltag darin besteht, manche Forderungen umzusetzen. Wie sollte es z.B. einer Arbeiterin erklärt werden, dass ein Jahr Karenz, so wie es Alice Schwarzer in ihrem Vortrag gemeint hatte, der äußerste Zeitraum dafür sei, Frauen in ihrer Karriere nicht zu gefährden - ebenso die Forderung, das Karenzgeld sollte einkommensabhängig sein, wo dann diejenigen, die ohnehin schon mehr verdienen noch mehr bekommen? Während Elisabeth Holzleithner mehr Solidarität unter den Frauen wünschte, stellte es für Doris Knecht kein Problem dar, sich voll auf ihrer Karriere als Journalistin zu werfen, ohne sich allzuviel Gedanken über andere Frauen machen zu müssen. Allerdings betonte Holzleithner, dass die Fragmentierung der Gesellschaft nicht nur entlang der Bruchlinie Mann-Frau verlaufe, sondern viel differerenzierter. Eine ihrer Perspektiven bestände darin, denjenigen, denen bisher zuwenig oder gar kein Raum gegeben worden war, sich zu artikulieren, Möglichkeiten gegeben werden sollten, ihrer Stimme Gehör zu verschaffen. Susanne Feigl ihrerseits forderte die volkswirtschaftliche Sichtbarmachung der durch Frauen erbrachten Versorgungsarbeit ein und beklagte den damit verbundenen Einkommensverlust von Frauen. Auch die anschließende Publikumsdiskussion gab der Stimmung Ausdruck, dass bereits viel erreicht worden sei, dass Frau jedoch darum kämpfen müsse, dass diese Errungenschaften nicht durch reaktionäre Tendenz gefährdet werde. Es dürfe nicht mehr passieren, dass man noch einmal von vorne anfangen muss, viel mehr sei auf dem Erreichten aufzubauen und nach neuen Wegen zu suchen, die den Anforderung nicht nur des 21.Jahrhunderts sondern auch der Frauen entsprechen.
Susanne
Moser
Foto: Petra Spiola
P.S. Das Institut für Axiologische Forschungen und LABYRINTH danken dem Frauendokumentationszentrum des Renner-Instituts für die Fotographien und die freundliche Unterstützung. Besuchen die das Frauendok! |
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