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Claudia
Gather
Simone
de Beauvoir, eine Klassikerin der feministischen Soziologie?[1]In
dem Sammelband Frauen in der Soziologie (1998) stellen Claudia Honegger
und Theresa Wobbe neun Frauen vor, die als Pionierinnen der Soziologie
im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts gearbeitet haben. Einige dieser
bislang weitgehend unbekannten frühen Soziologinnen hätten durchaus
das Potential, Klassikerinnen
in der Soziologie zu werden (z. B. Harriet Martineau, Mathilde Vaerting
und Marianne Weber, 1998:14). Ich möchte mit meinem Beitrag dazu ermuntern,
auch Simone de Beauvoir in den Kreis der Klassikerinnen gedanklich aufzunehmen.
Obwohl de Beauvoir in der Philosophie ausgebildet wurde, nimmt ihr Hauptwerk
Das andere Geschlecht (1951 erstmals auf deutsch)viele
der später in der feministischen Soziologie formulierten Gedanken
vorweg.[2] Das
andere Geschlecht
ist eine frühe theoretische Konzeption des Gleichheitsfeminismus (ähnlich
auch Frey 1999). Resümierend stellt Hagemann-White (1992) zur Leistung
des Anderen Geschlechts
fest, dassmit diesem Ansatz Unterschiedlichkeiten
in den Erfahrungen und Lebenslagen der Geschlechter beschrieben werden
können, ohne auf biologische Determinanten zurückgreifen zu müssen
(1992:58). Im Anderen Geschlecht werden meines Wissens zum ersten
Mal die Ideen geäußert, dass Geschlecht sozial konstruiert ist,
in dem Sinne, dass Menschen ihr Geschlecht in einem sozialen Prozess erwerben
(an diesem Aspekt knüpft Butler 1991 an) und dass auch das, was unter
„weiblich“ verstanden wird, sozial gemacht ist. Dies ist ein originär
soziologischer Zugang. De Beauvoirs klassische Frage, wie wird ein Mensch
zur Frau, ist m.E. immer noch aktuell. So argumentierte erst kürzlich
Joan W. Scott (1999), dass die Artikulation der Geschlechterdifferenz in
der feministischen Soziologie selbst zu untersuchen sei: Statt sexuelle
Differenzen zwischen den Geschlechtern (biologisch und sozial) vorauszusetzen
– sollte untersucht werden, wie Konzepte der Differenz produziert und benutzt
werden, um diese Unterschiede herzustellen und festzuschreiben. Mit
Beginn der neuen Frauenbewegung wurde Das andere Geschlecht zum
Verkaufsschlager. Es wird von einigen Feministinnen als die Bibel des Feminismus
bezeichnet. In der Frauenforschung an den Universitäten hat es zumindest
in der Soziologie dagegen bislang wenig Einfluss gehabt und ist kaum aufgenommen
worden. Ich werde hierzuerst der
Frage nachgehen, warum es keine Auseinandersetzung damit gab. Meine These
ist, dass dies an der Art lag, wie die neue autonome Frauenbewegung sich
konstituiert hat. Zögerlich beginnt jetzt auch eine soziologische
Rezeption des Werkes. Im zweiten Teil dieses Beitrages versuche ich, Anschlussstellen
für den wissenschaftlichen Bereich der feministischen Soziologie zu
benennen und stelle am Schluss die eher politische Frage, wie es mit der
Freiheit der Frauen bestellt ist und was ihre Unabhängigkeit heutzutage
noch behindert. Rezeption des Anderen Geschlechts
In Frankreich soll das Erscheinen 1949[3]
erheblichen Staub aufgewirbelt und feindselige Reaktionen männlicher
Linksintellektueller hervorgerufen haben.[4]
In Westdeutschland war es bis Ende der 60er Jahre ruhig um das Buch. Als
Herausforderung wurde es anfangs nur von einigen TheologInnen begriffen,
aus christlicher Sicht wurde es heftig kritisiert.[5]
Es existierte noch keine neue Frauenbewegung, die das Buch hätte aufgreifen
können. Die Kontinuität mit der alten Frauenbewegung war durch
die Zeit des Nationalsozialismus abgebrochen.[6]
Für einige isolierte Frauen sei jedoch, nach Alice Schwarzer, Das
andere Geschlecht in dieser Zeit dennoch “ein Leuchtfeuer ... in der
Dunkelheit einer namenlosen Verzweiflung” (1983:44) gewesen. Zum
Verkaufsschlager wurde Das andere Geschlecht mit dem Entstehen der
neuen Frauenbewegung, der Aufbruchsphase am Beginn der 70er Jahre. Waren
bis 1970 40.000 Bücher verkauft, stieg die Auflage bis 1976 auf 135000
Bücher in Westdeutschland und hat 1998 die Höhe von 596 000 Exemplaren
erreicht.[7]
Das Buch habe eine befreiende Wirkung gehabt, so wird aus den 70er Jahren
berichtet. Das Werk habe die Frauenbewegungen wie kaum ein anderes inspiriert,
so Schwarzer (1972), und es soll sogar einen konstitutive Rolle bei der
Entstehung der neuen Frauenbewegung gespielt haben (Bovenschen 1998:77).
Das Buch habe das persönliche Leben von ungezählten Frauen ganz
konkret verändert, vor allem in der westlichen Welt (Moi: 1997:273ff).
In krassem Missverhältnis dazu steht die geringe Zitationshäufigkeit
bei den Feministinnen der neuen Frauenbewegung. Spielte das Buch auch im
privaten Leben der Frauen eine Rolle, so wirkte dies doch nicht in den
öffentlichen Diskurs hinein. Nach Gudrun-Axeli Knapp und Angelika
Wetterer wird in Deutschland anBeauvoir
auch als Theoretikerin ”merkwürdig indirekt angeknüpft ... ,
ganz im Gegensatz zu ihrer Präsenz als Person” (Knapp/Wetterer 1992,
13). Und das, obwohl de Beauvoir viele der Themen, die später in der
soziologischen Frauenforschung Bedeutung bekommen sollten, wie Sozialisation
von Mädchen, Ehe, Hausarbeit, Matriarchat, Ideologie und Sexualität
bereits behandelt hatte. Ich
möchte ein Beispiel für diese indirekte Bezugnahme geben. Ich
greife dazu einen in den 70er Jahren aus der Sozialisationsforschung bekannt
gewordenen Beitrag heraus. Ursula Scheu zitiert mit dem Titel ihres Buches
de Beauvoir: Wir werden nicht als Mädchen geboren, wir werden dazu
gemacht (1977), übersetzt das Zitat jedoch falsch (Original: “On
ne naît pas femme, on le devient”). Über die Zitation im Titel
hinaus findet im Buch selbst keine explizite inhaltliche Auseinandersetzung
statt.[8]
Diese falsche Übersetzung[9]
betont den Anpassungsprozess, die äußeren Kräfte, die auf
die Mädchen einwirken und vernachlässigt den Eigenanteil an der
Entwicklung zur Frau. Judith Butler dagegen liest in den 80er Jahrende
Beauvoirs Aneignung von Weiblichkeit als aktiven Prozess (dazu später
mehr). Mit den unterschiedlichen Lesarten des berühmten Zitates durch
Scheu und Butler sind Eckpunkte der inhaltlichen Verschiebungen der feministischen
Diskussionen von den 70er zu den 80er Jahren hin markiert. Eine
der wenigen Autorinnen[10]
in dieser Zeit, die sich inhaltlich mit dem anderen Geschlecht befassen,
ist Karin Schrader-Klebert. In einem langen Aufsatz im Kursbuch von 1969
sucht sie über das Thema “Warencharakter“ nach einer Verbindung der
de Beauvoirschen Ideen mit den Ideen der 68er. Wieso wurde de Beauvoir
bis in die 90er Jahre wissenschaftlich in Deutschland in der Frauenforschung
so wenig diskutiert und zitiert?[11]
Meine These ist, dass die Art, wie zu Beginn der Frauenbewegung diskutiert
wurde, zwar enorm wichtig für eine breite Politisierung der Frauen
war, aber für eine wirklich inhaltliche theoretische Diskussion nicht
förderlich. Als Vorbild für die Organisationsform der neuen Frauenbewegung
galten die sogenannten Frauen-Selbsterfahrungsgruppen. Deutsche Feministinnen
haben das amerikanische Modell der ”consciousness-raising-groups” übernommen
(Kramer 1994:85). Nach Kramer (1994) gab es vier zentrale Regeln für
die Gruppen 1. Ausschluss von Männern, 2. Ausgehen von persönlichen
Erfahrungen, 3. Anti-Expertentum und 4. strikte Gleichheit der Mitglieder
(Kramer 1994:76).[12]
In vielen Frauengruppen wurde das andere Geschlechts gelesen und
besprochen. Das Buch wurde jedoch nicht als theoretisches gelesen, sondern
als eines, das die Erfahrungen der Frauen damals unmittelbar ansprach (so
auch Hagemann-White 1992). Die vonde
Beauvoir beschriebenen Verhältnisses wurden daraufhin diskutiert,
ob sie mit den persönlichen Erfahrungen übereinstimmen.[13]
Das war der Mechanismus der “Politisierung des Privaten” (Gerhard 1992:43).
Das andere Geschlecht ist dadurch ein hochpolitisches Buch geworden,
da es - nach Hagemann-White durchaus im Sinne der existentialistischen
Ethik - die Möglichkeit der Bewusstwerdung und Befreiung von der Abhängigkeit
eröffnete. Wenn man theoretische Texte allerdings auf diese Weise
liest, stellt man damit die Rezipientin in den Vordergrund und nicht die
Autorin und den Text selbst. Hierin sehe ich einen wichtigen Grund für
das indirekte Anknüpfen an de Beauvoir. Nach einer ausführlichen
Diskussion der eigenen Erfahrungen fungieren die Gedanken und Inhalte des
Buches nur mehr als erste Anregungen und treten hinter die persönliche
Betroffenheit zurück. Diese Regeln der Selbsterfahrungsgruppen, insbesondere
das Ausgehen von den persönlichen Erfahrungen, sind zum Teil auch
in den ersten Frauenseminaren an den Universitäten übernommen
worden. Während der “Soziologinnen-Tage” 1985 am Institut für
Soziologie der FU Berlin wurde das von Absolventinnen so formuliert: Das
Studium sei vorrangig “Selbstverwirklichung und Selbsterkenntnis” gewesen
(Grünwald 1987:61), nicht so klar geworden sei dagegen der soziologische
Gehalt. De Beauvoir ist nicht mit in die Wissenschaft, in die Diskussion an den Universitäten genommen worden. Am Institut für Soziologie der FU gab es keine Seminare oder Abschlussarbeiten bis Mitte der 90er Jahre, die sich auf de Beauvoir bezogen hätten, im Gegensatz z.B. zur Auseinandersetzung mit den Arbeiten vonKarl Marx oder Sigmund Freud. Ein weiterer Grund für diese geringe inhaltliche Auseinandersetzung mit de Beauvoir in der feministischen Soziologie ist vielleicht auch darin zu suchen, dass es zu Beginn der Frauenbewegung und während der Zeit ihrer Etablierung an den Universitäten näher lag, sich kritisch mit etablierten Autoren des Faches auseinanderzusetzen, als die zusätzliche Schwierigkeit auf sich zu nehmen, sich auf Wissenschaftlerinnen zu beziehen, zu denen es ja noch kaum Diskussionen im Fach gab. Ende
der 70er und in den 80er Jahren scheinen Simone de Beauvoirs Ideen und
auch ihre Frage: ”Was ist eine Frau?” wenig bedeutsam. Der Ansatz de Beauvoirs,
den ich eher als “Gleichheitsansatz”[14]
verstehe, bot in der feministisch politischen Konjunktur dieser Zeit wenig
Anknüpfungspunkte. Im Vordergrund stand der empirische Nachweis der
Unterschiede zwischen den Geschlechtern, der Benachteiligung der Frauen
und die Suche nach Gründen hierfür. Als populäre Erklärungsmodelle
wurden z.B. die Ansätze von Nancy Chodorow (1985) oder Carol Gilligan
(1984) debattiert. Auf der politischen Ebene wurde neben der Frauenförderpolitik
über die Umsetzung des “Müttermanifests” der Grünen (1987,
s.a. Erler 1985) diskutiert(vgl.
auch Hagemann-White 1988). De Beauvoir hatte sich dagegen entschlossen
gegen Aufwertungsbemühungen von “Weiblichkeit”, von Hausfrauenarbeit
oder von Ehe und Mutterschaft geäußert (im Interview mit Alice
Schwarzer im Spiegel, 1976). Zusammenfassend lässt sich die Rezeption
des
anderen Geschlechts bis in die 90er Jahre vielleicht am treffendsten
als eher ekklektizistische Bezugnahme oder Auslassung entsprechend der
jeweils vorherrschenden Strömungen beschreiben. In
Deutschland bereitet Carol Hagemann-Whites Aufsatz 1992 den Boden für
eine inhaltliche Auseinandersetzung. Sie beginnt, de Beauvoir als theoretische
Vordenkerin in die soziologisch feministische Debatte einzuführen.
Im Sammelband “Traditionen - Brüche” (1992) ist das erste Kapitel
dem „existentialistischen Feminismus“de
Beauvoirs gewidmet; dieser steht neben der feministischen Auseinandersetzung
mit der Psychoanalyse, dem Marxismus, der Kritischen Theorie und neueren
Konstruktionsansätzen. Damit wird die Auseinandersetzung mit dem Ansatz
von de Beauvoir erstmals als eine theoretische Tradition vorgestellt.[15]
Hagemann-White kann 1992 allerdings mit dem existentialistischen Feminismus
noch nicht in der gleichen Weise verfahren, wie andere Autorinnen mit der
Psychoanalyse oder dem Marxismus, weil es hier noch keine langjährigen
Auseinandersetzungen gibt, auf die sie sich beziehen könnte. Sie klärt
die existentialistischen Grundlagen, stellt den Ansatz und mögliche
Anschlussstellen dar und bereitet den Boden für eine inhaltliche Rezeption.
Und damit möchte auch ich zu inhaltlichen Aspekten kommen. Inhaltliche Anknüpfungspunkte für die DiskussionGibt
es hier Anknüpfungspunkte für die Geschlechtersoziologie oder
hat das andere Geschlecht tatsächlich nur Bedeutung als politisierendes
Buch gehabt?[16]
Alles Fragen, die m.E. noch nicht geklärt sind. De Beauvoirs These ist, dass es „die Frau“ nicht gibt, dass sie keine Essenz ist, dass Weiblichkeit eine männliche Erfindung, ein männlicher Entwurf ist. Dies war zum Zeitpunkt der Veröffentlichung ein neuer Gedanke und ist bis heute von provozierender Aktualität. Dass Frauen den Objektstatus, der ihnen unter den Blicken der Männer zugewiesen wurde, annehmen, erklärt de Beauvoir mit der Bequemlichkeit und “Unaufrichtigkeit” von Frauen gegen sich selbst, gegen die sie anschreiben will. Frauen müssen sich selbst als eigenständige, dem Mann ebenbürtige Subjekte setzen, müssen die Freiheit wählen. Für das Mädchen sei es allerdings schwerer als für den Jungen, einen eigenen Entwurf in der Welt zu realisieren: “... so hoch es sich auch recken mag, so weit es sich auch zu entfernen wagt, über seinem Kopf wird immer eine Decke sein, immer werden Wände ihm den Weg versperren“ (1996:368). De
Beauvoir unternimmt im anderen Geschlecht eine breit angelegte Untersuchung
der Situation von Frauen. Sie stellt eine systematische Benachteiligung
und Unterdrückung von Frauen fest. Im ersten Buch prüft sie vorliegende
Erklärungsansätze: sie beschäftigt sich mit biologischen
Ansätzen, der Psychoanalyse, dem historischen Materialismus, unternimmt
einen Gang durch die Geschichte und kommt mit dem Mythenkapitel zu ihrem
Erklärungsansatz für die Benachteiligung von Frauen. Im zweiten
Buch wird die aktuelle, empirische Situation der Frauen von der Kindheit
an beleuchtet, sie diskutiert hier Ehe, Mutterschaft, Alter, usw. Und das
letzte Kapitel stellt die Frage nach der Befreiung von Frauen. An die Idee Beauvoirs, dass Frau-Sein keine Essenz ist, sondern in einem Prozess erworben wird, knüpften die Sozialisationstheoretikerinnen indirekt in den 70er Jahren an (s.o.).Auch Judith Butler setzt in den 80er Jahren hier an. Sie liest de Beauvoir folgendermaßen: Frau werden ist ein “unaufhörliches Projekt, (ein) ... täglicher Akt der Rekonstruktion und Interpretation“ (1991 S. 60). Und: Frau werden ist “ein Bündel von gezielten aneignenden Handlungen, die allmähliche Aneignung einer Technik zur Erlangung eines kulturell etablierten körperlichen Stils und seiner Bedeutung oder in der Terminologie Sartres ein Entwurf” (Butler 1991:56). Diese Interpretation betont den Aspekt der Konstruiertheit von Weiblichkeit (den Entwurf) und hebt sehr stark - ganz im Gegensatz zu den Sozialisationstheoretikerinnen der 70er Jahre - auf die Eigenaktivität der Frauen ab. Meines Erachtens überbetont Butler in der Lektüre Beauvoirs die Eigenaktivität. Frau sein deutet nach de Beauvoirs doch eher auf Immanenz, auf eine geringe Eigenaktivität hin. Führt nicht der eigene autonome Entwurf dagegen eher nicht zum „Frau sein“? De Beauvoir sagt auch, dass es Vorteile haben kann, sich in den männlichen Entwürfen einzurichten und damit in der Passivität und Immanenz zu verharren, aber dieser Verharren deutet eher eine geringe Eigenaktivität an: „Neben dem ethischen Anspruch jedes Individuum, sich als Subjekt zu behaupten, gibt es in ihm die Versuchung, seine Freiheit zu fliehen und sich als Ding zu konstituieren: ein unheilvoller Weg, denn passiv, entfremdet, verloren, ist es fremden Willen ausgeliefert, von seiner Transzendenz abgeschnitten, jedes Wertes beraubt. Aber es ist ein bequemer Weg: man vermeidet so Angst und Spannung einer selbstverantwortlichen Existenz. Der Mann, der die Frau als das Andere konstituiert, trifft bei ihr also weitgehendes Einverständnis“ (de Beauvoir 1996:17).[17] Gibt
es einen aktiven Eigenanteil bei der Aneignung der fremden Weiblichkeit?
Ist die Entwicklung zur Frau nach de Beauvoir eine passive Anpassung an
die männlichen Entwürfe? Und nur dort aktiv, wo Frauen die Freiheit
wählen, wo sie eben nicht in der Unaufrichtigkeit (Inauthentizität)
ihre Zuflucht suchen? Meines Erachtens bleibt de Beauvoir eher diffus bei
der Frage, wie es denn mit dem Eigenanteil der Frauen bei der Entwicklung
zur “Weiblichkeit” aussieht. Mythen der WeiblichkeitMit
dem Konzept der Mythen entwickelt de Beauvoir einen eigenen Erklärungsansatz
für die Unterdrückung von Frauen. Auf den ich im folgenden näher
eingehe.[18]
“Was ist eine Frau”, fragtde Beauvoir
in der Einleitung des anderen Geschlechts. Im Verlaufe des Buches
beleuchtet sie diese Frage von verschiedenen Seiten. Das Besondere an der
Frau ist, nach de Beauvoir, dass sie vom Mann als das Andere definiert
werden kann. „Die Frau erschien so als das Unwesentliche, das nie zum Wesentlichen wird, als absolut Andere ohne Wechselseitigkeit“ (1996:192). Die
Mythen, z. B. alle Schöpfungsmythen, drücken die Nachrangigkeit
der Frau aus. Als Weiblichkeitsmythen nennt de Beauvoir den Mythos der
„Großen Mutter“, der Muse, der Hexe, der Magiererin, der Jungfrau
Maria, Eva u.a. 1996:190ff. Nach de Beauvoir gibt es nur männliche
Entwürfe von Weiblichkeit, “patriarchale Weiblichkeit” wie Moi das
nennt (Moi 1994:294), diese ist auf den Mann bezogen und wird in Bezug
auf den Mann definiert. “Mythen sind eine entscheidende Waffe im patriarchalen
Arsenal”, so fasst dies Moi (1994:292) zusammen. Mythen sind für de
Beauvoir grundsätzlich falsche Darstellungen von Wirklichkeit, weil
sie das “Vorhandensein ewiger unwandelbarer nicht-kontingenter Wesenheiten
verkünden“ (Moi 1994:292).[19]
Mythen sind nach de Beauvoir nicht leicht fassbar: „Es ist immer schwierig, einen Mythos zu beschrieben: er lässt sich weder fassennoch einkreisen, er geistert in den Bewusstseinen umher, ohne ihnen je als festes Objekt gegenüberzustehen. Er ist so schillernd, so widersprüchlich, dass man seine Einheitlichkeit zuerst einmal gar nicht bemerkt: in den Gestalten von Dalila und Judith, Aspasia und Lucrezia, Pandora und Athene ist die Frau zugleich Eva und die Jungfrau Maria. Sie ist Idol und Dienerin, Quelle des Lebens und Macht der Finsternis;sie ist das elementare Schweigen der Wahrheit und ist Arglist, Geschwätz und Lüge; sie ist Heilerin und Hexe; sie ist die Beute des Mannes und sein Verderben, sie ist alles was er nicht ist und was er haben will, seine Negation und sein Seinsgrund“ (1996:194). Bei der Lektüre des Mythenkapitels fallen Ähnlichkeiten mit dem soziologischen Konzept der geschlechtsspezifischen Normen, dem Deutungsmusterkonzept oder auch dem von Karin Hausen geprägten Begriff der Geschlechtscharaktere (1978) auf. Um das Interessante an der de Beauvoirschen Idee der Mythen zu diskutieren, ist es sinnvoll, eine begriffliche Klärung vorzunehmen. Wie sind die Beauvoirschen Mythen von den anderen Konzepten abzugrenzen? Ich möchte ein paar kursorische Bemerkungen dazu machen. Eine
Ähnlichkeit mit den Geschlechternormen besteht an der Stelle, wo auch
die Mythen den Frauen durch „den Prozess der Entfremdung“ (de Beauvoir
1996) aufgezwungen werden (oder im Prozess der Sozialisation erworben werden),
sie werden zu einem Aspekt der Strukturiertheit der Subjektivität,
sie werden verinnerlicht und existieren gleichzeitig außerhalb des
Subjekts als Kanon von Regeln oder Normen. Die Geltung einer Norm kann
daran erkannt werden, dass ein Abweichen von der Regelmäßigkeit
Sanktionen gegen den Abweichler auslöst (Popitz 1961). Auch Normen
werden trotz der Übertretung Einzelner aufrecht erhalten: „So
stellt das mythische Denken der verstreuten, kontingenten, vielfältigen
Existenz der Frauen das einmalige und starre Ewigweibliche gegenüber;
wenn dessen Definition durch das Verhalten der Frauen aus Fleisch und Blut
widerlegt wird, sind sie es, die unrecht haben: man erklärt nicht,
dass das Weibliche eine Entität ist, sondern dass die Frauen nicht
weiblich sind. Die Widerlegungen durch die Erfahrung können dem Mythos
nichts anhaben“ (1996:319). Das
Konzept der sozialen Normen hat jedoch eine andere Schwerpunktsetzung als
die Mythen. Normen werden von Bernhard Schäfers definiert als „explizit
gemachte Verhaltensregeln, die Standardisierung-
und damit Handlungswiederholungen und –erwartungen – ermöglichen“
(Schäfers 1993:26). Insgesamt sind soziale Normen konkreter als Weiblichkeitsmythen;
Geschlechternormen beinhalten Handlungsanweisungen,[20]
während Mythen ambivalenter sind und gesamte Haltungen und Bilder
repräsentieren. Auch
zwischen den Mythen und dem von Karin Hausen entwickelten bahnbrechenden
Konzept der Geschlechtscharaktere (1978) gibt es eine Reihe von Ähnlichkeiten,
bei beiden Konzepten wird als eine Funktion die Legitimation männlicher
Herrschaft gesehen. Der weibliche Geschlechtscharakter, der am Ende des
18 Jahrhunderts „erfunden“ wird(1978:161,
mit diesem Verb kennzeichnet auch Hausen die soziale Konstruktion der Geschlechtscharaktere),
beinhaltet eine inhaltliche Festlegung über „das eigentliche Wesen
der Geschlechter“ (1978:162), welche sich mit der Durchsetzung der bürgerlichen
Gesellschaft für immer weitere Kreise von Frauen bis in 20. Jahrhundert
hinein verallgemeinert. Der weibliche Geschlechtscharakter legt Frauen
auf die Aufgabe der Reproduktion, auf Passivität und Emotionalität
fest. Nach Hausen ist dies eine Kontrastierung von Mann und Frau, jedoch
mit einer spezifisch neuen Qualität: „Der Geschlechtscharakter wird
als eine Kombination von Biologie und Bestimmung aus der Natur abgeleitet
und zugleich als Wesensmerkmal in das Innere der Menschen verlegt“ (1978:162).
De Beauvoir beschreibt auch den Mythos des „Ewigweiblichen“, der jedoch
voller Ambivalenzen sei (1996:319). Betont de Beauvoir die Vielfalt und
historische Veränderungen von Mythen,beschreibt
Hausen die Eckpunkte des wesentlichen Frauenmythos, der konstitutiv für
die bürgerliche Gesellschaft wurde. Michael Meuser und Reinhold Sackmann versuchen (1991), Gemeinsamkeiten der heterogenen soziologischen Vorstellungen von Deutungsmustern herauszuarbeiten. Einige Kennzeichen sind: der „kollektive Sinngehalt“, die „normative Geltungskraft“, ihre „interne konsistente Strukturierung“, ihre „begrenzte reflexive Verfügbarkeit“ und ihre Autonomie „hinsichtlich der Konstruktionsprinzipien und Gültigkeitskriterien“, sie „konstituieren so eine eigene Dimension sozialer Wirklichkeit“ (1991:19). Mit dem Konzept der Deutungsmuster wird eine Vermittlung zwischen Handlung und Struktur gesucht. Methodisch gibt es verschiedene Verfahren der rekonstruktiv verfahrenden Sozialforschung, mittels derer Deutungsmuster rekonstruiert werden können (vgl. die ausführliche Diskussion von Deutungsmusteranalysen bei Lüders/Meuser 1997). Vor allem für die empirische Bearbeitung der Frage, wie und welche Mythen als Deutungsmuster aufgegriffen werden und in welcher Weise, wie diese individuell bearbeitet werden und wie sie Handlungsrelevanz bekommen, scheint mit der Deutungsmusteranalyse vielversprechend.
Interessant an der Beauvoirschen Sichtweise der Mythen ist, dass sie vielfältiger
und veränderlicher konzipiert sind als das Konzept der Geschlechtscharaktere
oder die soziologische Fassung von Geschlechternormen: “... dass es eine Vielzahl von unvereinbaren Mythen gibt und dass die Männer grüblerisch vor den sonderbaren Inkohärenzen in der Idee der Weiblichkeit stehen” (1996:319). Den
spannendstenUnterschied zu den anderen
Konzepten finde ich das Konstruktionsprinzip der Mythen selbst, das der
Frau als der unwesentlichen Anderen, abgeleitet vom Mann. Wobei die männlichen
Vorstellungen über das Wesen von Frauen nicht, wie das sonst üblicherweise
der Fall ist, als Kontrast oder Gegensatz im Sinne der gegenseitigen Ergänzung
der Geschlechter[21]
konzipiert sind. Die Frau wird nach de Beauvoir als „Verneinung“,als
das „Negative“oder als „Daseinsgrund“,
als „Ideal“, als Spiegel, als „das, wonach er strebt, aber niemals erreicht“
entworfen. An dieser Frage weiterzudenken, finde ich interessant.Nach
de Beauvoir entwerfen sich die Männer in die Welt, sie haben die Definitionsmacht
über sich und über die Frauen. Die Frage der Weltsicht und die
Bestätigung des Anderen spielt auch in soziologischen Konzepten zu
Ehe und Liebe eine wesentliche Rolle. Die Autoren unterstellen jedoch,
vermutlich ohne weiter darüber nachgedacht zu haben, Gegenseitigkeit.
So spricht Luhmann davon, dass es bei der Liebeskommunikation um wechselseitige
Bestätigung der eigenen Welt beim anderen, um die “Validierung der
Selbstbestätigung” (Luhmann 1984: 208, Hervorhebung von mir C.G.,
ähnlich Berger/Kellner 1965) gehe.[22]
Diese Annahme gälte es m.E. erst empirisch zu überprüfen.
Mit de Beauvoir ließe sich auch annehmen, dass doch eher einseitig
männliche Weltbilder und Entwürfe von den Frauen bestätigt
werden. Scheinen Männer nicht in (Liebes-)Kommunikationen immer noch
auf solche weibliche Bestätigungen zu warten? Die
Beauvoirschen Mythen liegen auf zwei Ebenen: sie sind einerseits kollektive
Bilder (z.B. die Jungfrau Maria), die aus verschiedenen Kanälen, aus
Bildern der Vergangenheit gespeist werden und andererseits ganz individuelle
Entwürfe einzelner konkreter Männer. In diesen individuellen
Entwürfen finden die kollektiven Mythen ihren Widerhall und werden
von den Männern verarbeitet. De Beauvoir zeigt dies am Beispiel der
Untersuchung von Weiblichkeitsvorstellungen französischer Dichter
in ihren Romanen. Breton, Claudel und Montherland habenunterschiedliche
Grundhaltungen in ihren Sichtweisen der Frauen. Bei Breton wird die Frau
als Retterin und Erlöserin der Menschheit konzipiert, oder als die
Einfühlende wie bei Claudel, wo sie verehrt wird, oder als Verachtete
wie bei Montherland. Jeder Schriftsteller definiert die Frau anders, je
nach seiner Sicht von „Männlichkeit“: “Das Andere wird je nach der
individuellen Art, in der das Eine sich zu setzen wählt, individuell
definiert“ (1996:314). Ein
Schriftsteller kann in aller Ruhe Weiblichkeit in Bezug auf eine Männlichkeit
entwerfen, ohne dass eine reale Frau ihm widerspricht, wie verhält
es sich aber in realen Beziehungen? Hier sehe ich interessante Anschlussstellen
auch für die empirisch soziologische Forschung. Zu untersuchen ist,
wie verschiedene Männlichkeits- und Weiblichkeitskonzepte aufeinander
bezogen sind. Auf der makrosoziologischen Ebene der Geschlechtscharaktere
konnte Karin Hausen (1978) zeigen, wie die Polarisierung der Geschlechtscharaktere
im 18. Jahrhundert vorgedacht und entwickelt und im 19 Jahrhundert als
Dichotomie verfestigt und für immer breitere Bevölkerungsschichten
durchgesetzt wird. Auf dieser makrosoziologischen Ebene sind die Polarisierungen
dichotom, die Dichotomie wird auch als Ordnungsprogramm beschrieben (Kühne
1996), und als weiterer wichtiger Aspekt wird die ungleiche Hierarchie
genannt (Kühne1996): Weiblichen
Defiziten stünden männliche Überlegenheiten gegenüber.
Hier ließe sich ergänzend mit de Beauvoir zu fragen - und da
finde ich sie wirklich aktuell, ob und wie einheitlich diese Konzepte auch
auf der makroideologischen Ebene (noch) sind, ob hier nicht auch Ambivalenzen
existieren? Gibt es nicht auch eine Vielfalt miteinander konkurrierender
Weiblichkeits- und auchMännlichkeitsvorstellungen
(die in der neueren Genderforschung auch von Männern aufgezeigt werden,
Connell1995). Gibt
es auch Entwürfe für Männer? Was beinhalten diese?„Da
die Frauen sich nicht als Subjekt setzen, haben sie keinen männlichen
Mythos geschaffen, in dem sich ihre Entwürfe spiegeln” (de Beauvoir
1996:194). Dass der Mann jedoch in seinen Entwürfen für sich
selbst völlig frei von Konventionen oder kulturellen Deutungsmustern
ist, nehmen wir heutzutage nicht mehr an.[23]
Woher kommen aber die Entwürfe von Männlichkeit? Nach Ute Frevert
(1996) kodiert das Programm und die Politik der Geschlechterdifferenz Weiblichkeit
und Männlichkeit in der bürgerlichen Gesellschaft in der Moderne.
Bedeutet Mann sein, sich in Relation zu Weiblichkeit zu setzen, gegen Frauen
und Weiblichkeit, aber vielleicht auch sich gegen andere Männer abzugrenzen,
wie Ute Frevert (1996) sagt, oder vor allem die Hierarchie zu betonen,
wie Thomas Kühne (1996) meint? Frau
und Mann sein heißt in verschiedenen Schichten, Milieus, ethnischen
Zugehörigkeiten, Generationen und an unterschiedlichen Orten auch
etwas anderes. Zwei AutorInnen haben in letzter Zeit zu Männlichkeits-
und Weiblichkeitsvorstellungen aus männlicher Sicht empirisch (in
einem Projekt) gearbeitet. Sie analysieren Gruppendiskussionen mit Männern
verschiedener Milieus und finden in der Analyse unterschiedliche kollektive
kulturelle Deutungsmuster in diesen Milieus. Cornelia Behnke (1997) untersucht
“den männlichen Blick auf die Frau” (1997:8). Bei Behnke spielt das
Relationale der Geschlechterverhältnisse eine wichtige Rolle: Es “wurde
deutlich, dass die Frage nach dem Mannsein unfehlbar eine große Menge
an Aussagen über das Frau-Sein provoziert. Vorstellungen von Mann-Sein
und Männlichkeit gewannen nur an Kontur, wenn sie von Vorstellungen
zu Frau-Sein und Weiblichkeit abgegrenzt werden konnten” (1997:8, Hervorhebung
von mir C.G.).[24]
Deutlich wird, dass Männlichkeit und Weiblichkeit aufeinander bezogen
sind.[25]
Nach welchem Prinzip diese Bezogenheit jedoch konzipiert sein könnte,
als Gegensatz, als Ergänzung, als Defizit, als Kontrast oder als Hierarchie,
ist offen. Meuser trifft die Unterscheidung zwischen verschiedenen Ebenen,
der kognitiven (Frauenbild, kulturelle Deutungsmuster von Männern),
die er untersucht und die handlungspraktische Konstruktion (oder auch interaktive
Konstruktion, 1998:276), die er nicht untersucht. Für
die empirisch soziologische Forschungsebene lassen sich daraus einige Fragestellungen
entwickeln: Wie verhält sich die ideologische Ebene kollektiver Mythen
zur konkreten Handlungsebene? Wie wird Männlichkeit und im Verhältnis
dazu Weiblichkeit im realen Leben ganz entworfen und verhandelt? Was passiert
in Interaktionen (in Beziehungen) genau? Wie fließen kulturelle Mythen
über Weiblichkeit ein und wie werden diese in Handlungen umgesetzt?[26] Die Freiheit der FrauenIm
Anderen
Geschlecht belässt es deBeauvoir
nicht bei der theoretischen und empirischen Bestandsaufnahme der Situation
von Frauen, sondern versucht in Richtung auf eine Befreiung der Frauen
zu wirken. Sie will die Leserin ermutigen, Verantwortung für ihr eigenes
Leben zu übernehmen und hofft auf ein Untergehen der Weiblichkeitsmythen. “Vielleicht wird der Mythos Frau eines Tages verschwinden, je mehr sich die Frauen als Menschen behaupten, desto mehr stirbt in ihnen jene wunderbare Eigenschaft des Anderen” (de Beauvoir 1996:193) Sind
deutsche Frauen im de Beauvoirschen Sinne heute frei? Als Voraussetzung
für die Befreiung der Frauen (Freiheit zu Handeln und Freiheit von
der Unterdrückung, als das Andere definiert zu werden) sah de Beauvoir
konkret nach der rechtlichen Gleichstellung ihre wirtschaftliche Unabhängigkeit
(1996:841) und ihre sexuelle Freiheit an (1996:844, die sexuelle Freiheit
wird kaum noch diskutiert). Welche Faktoren machen wir heute, 50 Jahre
nach dem Erscheinen des Buches, aus, die immer noch die Freiheit von Frauen
verhindern? Es sind im wesentlichen hochkomplexe Prozesse der Benachteiligung
von Frauen im Erwerbsleben (einen guten Überblick über die Prozesse
geben Reskin/Padavic 1994). Im privaten Bereich finden sich noch häufig
ungleiche Machtverhältnisse in den Beziehungen (Gather 1996), und
die Frauen sind nach wie vor mit der Familienarbeit belastet. Bereits bei
der Paarbildung folgen Männer und Frauen überwiegend einem Ungleichheitsmuster.[27]
Ich möchte zu der Frage, was verhindert die Freiheit von Frauen, kurz
ein Beispiel aus einer eigenen empirisch qualitativen Arbeit heranziehen.
In einer Studie über die häusliche Arbeitsteilung bei Ehepaaren
mit gleich hohem Einkommen im Übergang in den Ruhestand (Gather 1996a
und b), war für die Männer “Männlichkeit” prekär geworden,
weil sie ihre „Ernährerrolle“ nicht vollgültigerfüllt
haben (das heißt, sie haben kein höheres Einkommen als ihre
Frauen erwirtschaftet). Bei dem größeren Teil der untersuchten
Paare stand in den ehelichen Interaktionen deshalb die symbolische Absicherung
der „labilen“ Männlichkeit im Vordergrund, Mann und/oder Frau waren
damit befasst, Ausgleich und Kompensation für dieses Manko der Männer
zu schaffen. “Weiblichkeit” schien sich daraus direkt abzuleiten, war z.B.
unterstützend für die prekäre Männlichkeit konzipiert.
Vielen Ehefrauen war an ehelicher Harmonie und Eintracht gelegen, dafür
stellten sie auch eigene Interessen (so sie welche artikulierten) zurück;
sie hatten, wie de Beauvoir dies ausdrücken würde“ihren
Willen und ihre Wünsche begraben” (1996:849). Für diese Frauen
schien, gerade weil sie beruflich gegen die Konventionen gelebt hatten,
ein Leben in Übereinstimmung mit Konventionen und Gepflogenheit am
meisten Sicherheit zu versprechen und am attraktivsten. Ein anderer Teil
der Frauen jedoch fühlte sich durch die (im Verhältnis zum Mann)
erfolgreiche Teilhabe am Erwerbsleben ermutigt, eigene Interessen zu entwickeln,
zu artikulieren und darüber in durchaus konflikthafte Aushandlungsprozesse
mit den Ehemännern einzutreten. Diese Frauen widersetzten sich mit
eigenen Vorstellungen den Zumutungen konventioneller Weiblichkeit. Bei
beiden Gruppen legitimierten die Frauen ihr Verhalten mit Rückgriff
auf kulturelle Deutungsmuster und Werte: im ersten Fall bezogen Frauen
sich auf konventionelle Geschlechternormen, auch um bestimmtes Verhalten
von den Männern einzufordern, im zweiten auf allgemein menschliche
Werte, wie die Menschenrechte, Gleichberechtigung etc., um für sich
selbst etwas durchzusetzen. Die Befunde zeigen – und das sah auch bereits
Beauvoir - dass ein gleich hohes Einkommenvon
Frauen zwar eine Bedingung, aber noch kein Garant dafür ist, dass
Frauen eigene Interessen entwickeln, formulieren und in den Beziehungen
zu Partnern auch durchsetzen wollen und können. Hinzu kommen muss
auf der Ebene der Orientierungen ein Infragestellen der Gültigkeit
von Mythen über Weiblichkeit für das eigene Leben und die Bereitschaft
der Frauen, für ihre eigenen Interessen einzutreten. Im de Beauvoirschen
Sinne könnte man durchaus sagen, dass ein Teil dieser Frauen begonnen
hat, das Risiko der Freiheit zu wählen. Sie nehmen dafür auch
das Konfliktpotential, das damit in den Beziehungen einhergehen kann, in
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ENDNOTEN
[1] Ich danke vor allem Betina Hollstein und Susanne Froböse für Anregungen und Hinweise. [2]
Das Buch wurde 1951 vom Rowohlt Verlag als soziologische Untersuchung zur
Lage der Frau angekündigt. Und die gekürzte Ausgabe wurde in
Rowohlts deutscher Enzyklopädie als soziologischer Band geführt.
Eine Reihe von “Klassikern” der Soziologie sind WissenschaftlerInnen aus
anderen Fächern. Erinnert sei hier z.B. an George Herbert Mead, der
in der Philosophie als amerikanischer Pragmatist gehandelt wird, sich selbst
als Sozialbehaviorist beschreibt und in der Psychologie wie in der Soziologie
als Klassiker des jeweiligen Faches gilt. In der Soziologie steht er für
die Begründung des “Symbolischen Interaktionismus”. [3] 1951 ist das andere Geschlecht erstmals in deutscher Sprache in der Bundesrepublik erschienen (erst 1989 erschien es unter tatkräftigem Einsatz Irene Selles in der DDR). [4] Alice Schwarzer berichtet von einem Interview mit de Beauvoir, die Äusserung Camus, de Beauvoir habe mit dem Werk den französischen Mann lächerlich gemacht. Camus soll das Buch quer durch den Hörsaal geschmissen haben , weil er es nicht ertragen konnte, es zu lesen (Schwarzer berichtet leicht unterschiedliche Versionen dieser Geschichte, vgl. Schwarzer 1997:63 und1999:70). [5] Z.B. von einem Professor Abbé Charles Moeller (1959): dieser - ein Franzose - widmet dem Buch einen ganzen Vortrag an der Volkshochschule Dortmund, nimmt es damit sehr ernst. Ausführlich auf 30 Seiten (in der gedruckten Version) argumentiert er als Theologe gegen den Atheismus des Existentialismus und für die Unterordnung und Hingabe der Frauen aus christlicher Sicht. Ähnlich auch eine kürzere Rezension von Ida Friederike Görres in der christlichen Zeitschrift ”Wort und Wahrheit” (1951). [6] Vgl. Gerhard (1994 und 1995), die differenziert die Frage des Bruchs und der Traditionslinien zwischen alter und neuer Frauenbewegung in Deutschland erörtert. [7] Angabe des Rowohlt-Verlages vom 21.10.1998 [8] Zur Bezugnahme von Scheu auf de Beauvoir vgl. auch Hagemann-White (1992:56). Ähnlich ging auch Belotti (1975) vor. Diese zitiert in ihrem Buch “Was geschieht mit den kleinen Mädchen? (1975) zwei mal de Beauvoir, jedochkeine theoretischen Stellen, sondern solche, an denen de Beauvoir selbst Beispiele gibt, in einem Fall z.B. die Gefühle von Mädchen, welche sich den Jungen unterlegen fühlen und sich nicht mit ihnen messen (1975:86, 153-154). Inhaltlich geht es ihr weniger darum, sich mit Thesen von de Beauvoir auseinanderzusetzen, als mit diesen Stellen die eigenen Thesen zu untermauern. [9] Vor allem Scheu und Schwarzer hätten nach Hagemann-White an der falschen Übersetzung festgehalten, also sagen statt:Man kommt nicht als Frau zur Welt, ”man wird es”, ”man wird dazu gemacht”(Hagemann-White 1992:265). [10] Auch die Journalistin Alice Schwarzer gehört in Westdeutschland zu diesen Ausnahmen, indem sie ab Mitte der 70er Jahre (in der neu gegründeten Emma, aber auch in anderen Zeitschriften wie im Spiegel, Der Zeit, u.a.) über de Beauvoir und ihre Ideen berichtet. [11] In den USA, in der sich bereits früher formierenden Frauenbewegung ist die Situation relativ ähnlich. Nimmt man die frühen amerikanischen Feministinnen (z.B. Betty Friedan, Kate Millet, Sulamith Firestone), erwähnen zwei von ihnen das andere Geschlecht, nur Sulamith Firestone setzt sich jedoch inhaltlich damit auseinander. Kate Millet soll in ”Sexus und Herrschaft”(1971),nach der Biographien Bair (1990:836), die Form und die Idee von de Beauvoir übernommen haben, ohne dies kenntlich gemacht zu haben. Für die US-amerikanische Rezeption s.a. Dietz (1992). [12] Ein normatives Diktum der Frauengruppen, die Gleichheit ihrer Mitglieder, wurde in der autonomen Frauenbewegung erst auf breiterer Basis durch die Diskussion des Buches des Mailänder Frauenbuchladens: “Wie weibliche Freiheit entsteht (deutsche Ausgabe 1988) in Frage gestellt. [13]
Heutige Studentinnen (z.B. in einem Lektürekurs des anderen Geschlechts
im Sommersemester 1997 an der FU Berlin) fanden die im Buch beschriebenen
Erfahrungen gelegentlich eher skurril und kamen kaum auf die Idee, diese
mit ihren eigenen Erfahrungen in Verbindung zu bringen. [14]
Auch Ingrid Gallster ordnet den de Beauvoirschen Ansatz dem “egalitären”
Feminismus zu und sieht dann wieder mehr Chancen für die Ideen de
Beauvoirs,wenn der französische
Differenz-Feminismus an Bedeutung abnehme (Gallster 1997:62). [15]
Im selben Jahr 1992 taucht in einem anderen, auch theoretisch ausgerichteten
Sammelband: “Feministische Vernunftkritik: Ansätze und Traditionen”
(Ostner/Lichtblau 192l) de Beauvoir noch nicht auf. [16]
Auf die nicht unerhebliche Kritik an einer Reihe von Aspekten im anderen
Geschlecht (zusammenfassend z.B. Moi 1994) werde ich hier nicht eingehen,
da es mir zuerst darum geht, zu überlegen, wo es positive Anschlussmöglichkeiten
gibt. Ein erheblicher Teil kritischer und ablehnender Stimmen setzt am
Biologie-Kapitel, am Körperbild (z.B. Hughes/Witz 1997) und an de
Beauvoirs Bild von Mutterschaft an (s. z.B. Zerilli 1992, Hagemann-White
1992). [17]
Es gibt viele Belegstellen für diese Auffassung, z.B.: [18]
Auch Irene Dölling beschreibt in ihrer Rezension (1990) das Mythenkapitel
als eines, das bis heute von grosser Aktualität ist. [19]
Ähnlich auch Roland Barthes, der als Kennzeichen des Mythos beschreibt,
dass der Mythos aus Geschichte „Natur und Ewigkeit“ mache (1970:131). [20]
Geschlechtsspezifische Normen geben zum Beispiel bei der Arbeitsteilung
im Haushalt vor, welcher Partner welche Aufgabe erfüllen soll. Heterosexuelle
Paare, die sich daran orientieren, haben dadurch einen geringeren Aushandlungsbedarfüber
die Verteilung der Aufgaben in ihrer Beziehung (s. auch Gather 1996a).
Wobei andererseits von einer durchgängigen Geltung einheitlicher geschlechtsspezifischer
Normen m.E. inDeutschland nicht
(mehr?) auszugehen ist. Oft ist unklar, worauf AutorInnen sich genau beziehen,
wenn sie von traditionellen oder konventionellen geschlechtsspezifischen
Vorgaben, Verhalten o. ä. sprechen. Es müßte im jeweiligen
Fall genau angegeben werden, auf welchen Zeitpunkt und Ort rekurriert wird. [21]
Als einander zur Vollkommenheit ergänzende wurden die polaren Geschlechtscharaktere
idealtypisch in der deutschen Klassik und Romantik konzpiert(vgl.
Hausen 1978). Dieses Muster der Komplementarität taucht aber auch
wieder bei Meuser (1998) auf. [22]
Dass dies auch leicht misslingen kann, beschreibt Luhmann auch:Es
geht um die Möglichkeit eines sozialen Systems der Informationsgewinnung
und Informationsverarbeitung, in der jede Information die Einheit der gemeinsamen
Welt bestätigen soll und daher jede Information die Differenz aufbrechen
lassen kann (Luhmann 1984: 219). [23]
Michael Meuser beschreibt jedoch einen Typus von Mann aus dem Milieu der
bürgerlichen Mittelschicht, bei dem Frauen als „Gattungswesen“ beschrieben
werden, Männer als „Individuen“. Im Gegensatz zur Frau seien generalisierende
Aussagen über den Mann, der sich eben durch „individuelle Differenz“
auszeichne, nicht möglich“ (1998:297). [24]
Ähnlich schreibt Michael Meuser, dass “jede Konstruktion von Maskulinität
eine Konstruktion von Feminität implizit beinhaltet” (1998:263). [25]
Interessanterweise wird in den Studien das junge Facharbeitermilieu als
eines genannt, in dem Geschlechterdifferenz als Orientierungsmuster an
Relevanz zugunsten einer pragmatischen Partnerschaft verloren hat (Behnke
1997:132). [26] Heutzutage sind gesellschaftliche Vorgaben, seien es Mythen oder Normen zu heterogen und auch zu abstrakt, um hinreichend Handeln in Beziehungen vorzugeben. Jedes Paar steht vor der Aufgabe, sich in einem Prozess darüber zu verständigen, wie ihre Beziehung sein soll, wie in ihrer Partnerschaft Männlichkeit und Weiblichkeit konkret umgesetzt und gelebt werden soll (s. Gather 1996a). [27] Frauen heiraten mehrheitlich ältere (der Altersunterschied bei Erstheirat beträgt durchschnittlich drei Jahre, Engstler 1999:84) und grössere Männer (die unterschiedliche Körpergrösse ist ein symbolischer Ausdruck von Ungleichheit, zu den Unterschieden nach Körpergrösse sind leider keine empirischen Daten bekannt), die überwiegend ein höheres Einkommen als sie selbst erzielen (Engstler 1999:111f. und 153). Bei der Geburt des ersten Kindes ist es dann „ganz rational“ zu entscheiden, dass der Partner mit dem geringerem Einkommen zu Hause bleibt und dies verfestigt die Ungleichheit in der Beziehung.
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