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Die
beste Beauvoir-Analyse aller Zeiten??! Eine
Rezension von Susanne Moser zur deutschen Übersetzung von Mary
Evans Simone de Beauvoir. Ein feministischer Mandarin. Daedalus
Verlag, Münster: 1999
Laut
Österreichischem Rundfunk hat Mary Evans „mit dieser Studie sicherlich
die beste, aufschlussreichste und auch schonungsloseste Analyse verfasst,
die es bisher zur Feministin Simone de Beauvoir gibt. Sie hat Widersprüche
herausgearbeitet, die den feministischen Entwicklungsprozess erstmals in
einem anderen und differenzierteren Licht erkennbar machen. Ein Pflichtbuch,
ein sehr lehrreiches Buch, vielleicht sogar ebenso lehrreich, wie es Simone
de Beauvoirs Standardwerk Das andere Geschlecht viele Jahrzehnte
war.“[1] Ist
dies wirklich der Fall? Handelt es sich wirklich um die beste Beauvoir-Analyse
aller Zeiten? In
diesem 1985 erstmals auf englisch erschienen Buch macht die Soziologin
Mary Evans das Verhältnis von Feminismus und patriarchalischer Wertvorstellung
in Hinsicht auf das Werk von Simone de Beauoir zum zentralen Thema ihrer
Untersuchung: „Wie (wurde) der Feminismus dieser außergewöhnlichen
und begabten Frau von genau den patriarchalischen Werten und Verhaltensmustern
ausgeprägt.., die von ihren späteren Anhängerinnen in Frage
gestellt und verdammt werden würden.“[2]
Damit eng verbunden ist ihr zweites Ziel, nämlich, die Werte, die
dem Werk von Beauvoir inhärent sind zu untersuchen.[3]
In der ersten Fragestellung geht es um die Person Beauvoirs selbst. Hier
zeigt sich bereits auf den ersten Seiten das zwiespältige Verhältnis
der Autorin zur Person von Beauvoir. Einerseits stellt diese für sie
ein außergewöhnliches Beispiel für ein Leben voll ehrlicher,
uneigennütziger Skepsis und Distanz[4]
dar, andererseits betont sie gleich zu Beginn, daß Beauvoirs Leben
in jeder Hinsicht privilegiert war: sie war gebildeter und konnte sich
besser artikulieren als andere, außerdem hatte sie weder Kinder noch
war sie arm.[5]
Sie unterstellt Beauvoir eine Betonung des Intellekts, des rationalen,
strukturierenden Denkens und leitet dies bereits zu Beginn von Beauvoirs
Entschlossenheit ab, „dem primitiven Chaos und der ungeordneten Subjektivität
in der Welt der Frauen zu entrinnen.“[6]
Als Rechtfertigung dafür nimmt sie die Psychoananlyse zu Hilfe, die
darin ohne Zweifel den Wunsch der Beauvoir erkennen würde, die symbolische
Verstümmelung, die sie als Frau zwangsläufig erlitten hat, wiedergutzumachen.[7]
Die abwertende Haltung gegenüber Beauvoir wird noch dadurch verstärkt,
daß - zumindestens in der deutschen Übersetzung - immer von
„der“ Beauvoir gesprochen wird. Eine weitere Eigenheit der vorliegenden
deutschen Übersetzung besteht darin, daß immer von „den Feministen“,
also in männlicher Form gesprochen wird. So widmet sich Evans in den
ersten Kapiteln ihres Buches der Autobiographie und den Romanen Beauvoirs,
um nachzuvollziehen, wie es möglich war, daß Beauvoir „zu einer
der führenden Feministen des 20. Jahrhunderts werden konnte.“[8]
Beauvoirs persönliche Erlebnisse, ihre Beziehung zu Sartre und der
Inhalt ihrer Romane werden dazu herangezogen, um die Überbetonung
der Rationalität gegenüber der Emotionalität, sowohl im
Leben, als auch im Werk von Beauvoir zu erklären - wobei Evans Rationalität
mit Männlichkeit und Emotionalität mit Weiblichkeit gleichsetzt.
Immer wieder findet eine Vermischung zwischen Person und Werk Beauvoirs
statt, wobei letzteres aus dem Leben Beauvoirs her zu erklären gesucht
wird. Indem Beauvoir in ihren Romanen die Probleme ihres eigenen Lebens
zu objektivieren suche, sichere sie durch intellektuelles Verständnis
und Rationalität die irrationale Welt ab.[9]
In ihren Wertvorstellungenfolge
sie männlichen Erwartungen und Voraussetzungen, die auch im Leben
eines kinderlosen ziemlich einzelgängerischen, angestellten Mannes
vorrangige Bedeutung haben könnten unter dem Motto: „Es sei bei weitem
besser, wie ein traditioneller Mann zu leben.“[10]
So hätte die Auseinandersetzung Beauvoirs mit der weiblichen Situation
nur aus dem Verstand heraus stattgefunden - ohne eigene persönliche
Benachteiligung als Frau - was auf eine mangelnde Auseinandersetzung und
Erfahrung mit weiblicher Subjektivität hinweise.[11]
Daraus erklärt sich für die Autorin die völlige Ablehnung
des Themas Frauen und Weiblichkeit zu Beginn des Anderen Geschlechts. Wenden
wir uns nun Evans zweiter zentraler Zielsetzung zu, nämlich diejenigen
Werte, welche dem Werk von Beauvoir inhärent sind, zu untersuchen.
Obwohl Evans Beauvoirs Konzeption direkt aus dem Existentialismus abgeleitet
sieht[12],versteht
sie Beauvoirs Erklärung der Unterlegenheit der Frau im Anderen
Geschlecht dahingehend, „daß die biologische Situation die Frau
zu ihrer Abhängigkeit verdamme - eine Abhängigkeit, die durch
die von Männern erfundene Idee der weiblichen Inferiorität noch
weiter verstärkt werde.“[13]
Beauvoir akzeptiere eine Dichotomie, die sämtliche männlichen
Wesen den weiblichen gegenüberstelle,[14]
Männlichkeit mit Aktivität und Weiblichkeit mit Passivität
assoziiere[15]
- wobei sie weiters davon ausgehe, daß die Männer die „natürlichen“
Unterdrücker der Frauen seien.[16]Beauvoir
leite die menschliche Motivation (in diesem Fall das Bedürfnis, andere
zu beherrschen) nicht von den Produktionsverhältnissen ab, sondern
von angeborenen Eigenschaften.[17]
Evans wirft Beauvoir nicht nur Biologismus vor, sondern auch, daß
sie ausgehend von einer Studie tierischen Verhaltens, Verallgemeinerungen
über den Menschen treffe.[18]
Da die „Natur“ die Frau so sehr benachteilige, müsse diese durch die
„Kultur“
kontrolliert werden. Beauvoir rate Frauen von der Mutterschaft ab, befürworte
ökonomische Unabhängigkeit und preise insbesonders die emotionale
Autonomie. Beauvoir versuche durch die Ablehnung der traditionellen Weiblichkeit
die Unterordnung der Frau zu bekämpfen und fordere die Frauen auf,
männliche Ideen und Werte zu übernehmen.[19]
Die Befreiung der Frau werde von Beauvoir im existentialistischen Glauben
an die Möglichkeit einer absolut freien Wahl gesehen, verbunden mit
der Möglichkeit einer rationalen Neueinschätzung der eigenen
Situtation durch eine aufgeklärte Bildungspolitik[20].Evans
beendet ihr Buch mit der Feststellung, daß die Beauvoirsche Theorie
einige der irreführendsten und gefährlichsten westlichen Wertvorstellungen
kombiniere: „Den idealististischen Glauben an die Freiheit des Menschen,
unabhängig von jeder Reflexion der Zwänge und eine naturalistische
Differenzierung der Geschlechter, die die Freiheit beider einschränkt,
um Identitäten zu begründen, die auf biologischen Aspekten beruhen,
aber nicht biologisch determiniert sind, und gleichzeitig die Organisation
eines streng strukturierten geschlechtsspezifischen Verhaltens durch den
Staat zuläßt.“[21]
Während sie Beauvoir die „schlimmsten Fehler der patriarchalen Ideologie
vorwirft“[22],
findet sie zuletzt doch noch lobende Worte für Beauvoirs leidenschaftliches
intellektuelles und soziales Engagement für Freiheit und gegen Unterdrückung. Beim
Lesen dieses Buches stellte sich mir die Frage, welche Beweggründe
dazu geführt haben könnten, gerade dieses, bereits 15 Jahre alte
Buch ins Deutsche zu übersetzen. Wer könnten die Adressaten für
dieses Werk sein? Ein Kommentar des Österreichischen Rundfunks am
Umschlag des Buchs preist dieses Werk, als die „beste und aufschlußreichste
Analyse, die es bisher zur Feministin Simone de Beauvoir gibt....ein Pflichtbuch,
...vielleicht sogar ebenso lehrreich wie.. Das andere Geschlecht
selbst.“ - Und in der Tat, dieses Buch kann uns wirklich Aufschluß
darüber geben, wie Mißverständnisse und Irrtümer in
die Welt gesetzt werden. Es kann als Beispiel dazu verwendet werden, wie
aus einer Kombination von Unkompetenz und willkürlicher Selektion,
Argumentationen in ihr Gegenteil verkehrt werden. So liegt das Problem
nicht nur darin, daß Evans als Soziologin von Philosophie wenig Ahnung
hat - vielmehr fehlt ihr auch die nötige wissenschaftliche Sorgfalt
in der Auseinandersetzung mit Beauvoirs Text. Abgesehen davon, daß
ihre meist pauschalen Kritiken in der Regel weder belegt noch argumentiert
sind, reißt sie einzelne Passagen und Sätze ganz aus dem Zusammenhang
heraus und berücksichtigt überhaupt nicht den Kontext, in den
Beauvoir diese Passagen stellt. So findet bei Beauvoir oftmals eine Auflistung
all der- oft sehr frauenfeindlichen
- Meinungen über Frauen, sowohl in den Wissenschaften als auch in
der Literatur, statt, um diese jedoch einige Passagen später als völlig
unhaltbar und letztlich irrelevant zu entlarven. Es ist also nicht nur
Evans theoretischer Zugang zum Existentialismus völlig fragwürdig
und auf weite
Strecken hin schlichtwegs falsch - eine seriöse Auseinandersetzung
hätte zum Vorschein gebracht, daß der Existentialismus gerade
jede Festlegung auf eine bestimmte „Natur“ ablehnt, genauso wie er sich
gegen den Idealismus wendet, da es eben Freiheit nur in und durch die Situation
gibt.Vielmehr scheint sie den Text
auch nicht wirklich gelesen zu haben, sonst hätte sie bemerkt, daßBeauvoir
jedes Vergleichssystem ablehnt, „das von einer natürlichen Werthierarchie
ausgeht“ und daß für sie „all diese Abhandlungen, die einen
verschwommenen Naturalismus mit einer noch verschwommeneren Ethik oder
Ästhetik vermischen“[23]
bloßes Geschwätz sind. Beauvoir stellt verschiedenste frauenfeindlicheArgumentationen
zunächst vor, um sie danach als völlig unberechtigt zu kritisieren:
Es ist eben nicht die Physiologie, die Werte begründen könnte:
„vielmehr nehmen die biologischen Gegebenheiten die Werte an, die der Existierende
ihnen gibt.“[24]
Dabei handelt es sich aber nicht um eine isolierte Betrachtungsweise individueller
Möglichkeiten, vielmehr betont Beauvoir, daß diese von der ökonomischen
und sozialen Situation abhängen.[25]
Wenn Evans Beauvoir vorwirft, daß sie einen idealistischen Glauben
an die Freiheit des Menschen, unabhängig von jeder Reflexion der Zwänge
hätte, so verkehrt dies genau Beauvoirs zentrale These, „daß
die gesamte Zivilisation“[26]
dieses als „weiblich qualifizierte“ Produkt, das dann „Frau“ genannt wird,
hervorbringt und ihr die Rolle der „Unwesentlichen“, der „Anderen“[27]
zuteilt. Kaum jemand hat so sehr den Zwang der Situation artikuliert und
Frausein aus diesem Zwang heraus zu thematisieren versucht wie Beauvoir.[28] Die
deutsche Neuauflage paßt hervorragend in den derzeitigen neokonservativen
Trend. Man kann Evans so interpretieren, daß die Emanzipation der
Frau für diese eher als Verlust, denn als Gewinn, zu sehen ist: als
zunehmende Doppel- und Dreifachbelastung für die Frau und als sich
allseitig verschlechternde Beziehung zwischen den Geschlechtern, wie sie
explizit schreibt[29].
Weiters tritt sie für die Männer ein und wendet sich gegen Beauvoirs
Analyse, daß die Unterordnung der Frauen sich einfach aus den individuellen
oder gesellschaftlichen Entscheidungen von Männern ableite, Frauen
zu beherrschen. „Die Hauptfeinde sind nicht die Männer“[30]
- Beauvoir habe mit dem Modell der universalen, allgemeinen Unterordnung
der Frauen eine „potentiell gefährliche und einschränkende Basis
für weitere Politik“[31]
geliefert. Damit spielt Evans gerade denjenigen patriarchalenKräften
in die Hand, von denen sie Beauvoirs Werk beeinflußt sieht - ein
Effekt der sicherlich nicht in ihrer Intention lag. Vielmehr erscheint
es mir, daß ihre gesamte Studie von einer Kritik sowohl des Patriarchats
als auch des Kapitalismus her bestimmt ist. So betont sie, daß weder
der bürgerliche, humanistische Feminismus, wie er bei Beauvoir zu
finden ist, noch der Differenzfeminismus des „mütterlichen Denkens“
der 80er Jahre, für die westliche kapitalistische Gesellschaft eine
grundsätzliche Hausforderung darstelle.[32]
Es gehe ihr vielmehr darum, „eine politische Theorie und Praxis zu entwickeln,
die weder einer feministischen Version romantischer Absurditäten über
die Natur entspringt (in diesem Fall der Ansicht, die Natur sei immer eine
gütige Mutter), noch so nüchtern ist, daß sie mit menschlichen
Bedürfnissen nach Zuneigung, Intimität und Vielfalt kaum noch
umgehen kann.“[33]
Mit diesem Ansatz verweist sie über ihre Zeit hinaus auf die Fragestellungen
der 90er Jahre. Man könnte Evans also zugute halten, daß ihre
Studie von einer Absicht getragen ist, die sehr wohl nicht nur ihre Berechtigung
hat, sondern sogar die zentrale Problematik sowohl künftiger feministischer,
als auch demokratiepolitischer Theorien in sich trägt. Allerdings
bleibt es nur bei der Absicht. Einerseits würde dieser Ansatz nämlich
über das Thema des Buches, das explizit Beauvoir gewidmet ist, weit
hinaus gehen, andererseits aber fehlt Evans jeglicher methodischer Zugang,
der ihr ein solches Vorhaben ermöglichen würde - vielmehr verkehrt
sie Beauvoirs Werk, das auf weiten Strecken eine radikale Patriarchats-undKapitalismuskritik
darstellt - Beauvoir war zeitlebens Sozialistin und sympathisierte lange
Zeit mit dem Kommunismus - in sein Gegenteil. Damit bleibt Evans zentrale
Fragestellung, „welcher Art die Analyse ist“[34],
die Beauvoir dem Feminismus vermacht hat und welche „Auffassung der Gründe
individueller Entscheidungen und Zwänge“[35]
ihrem Werk zu Grunde liegen, nicht nur unbeantwortet, sondern wird zur
Brutstätte einer radikalen Perversion ihres Gedankengutes. Noch
unverständlicher wird die Übersetzung dieses 15 Jahre alten Buches,
wenn man die englischsprachige Literatur der letzten Jahre zur Hand nimmt.
Ob es sich nun um die Auseinandersetzung mit Beauvoirs Philosophie handelt,
wie bei Debra Bergoffen[36]
und Karen Vintges[37],
oder um den ideengeschichtlichen Bezug wie bei Eva Lungdren-Gothlin[38],
um feministische Interpretationen von Beauvoir, herausgegeben von Margret
Simons[39]
oder um die aufsehenerregende Interpretation von Edward und Kate Fullbrook[40],
in der sie Beauvoirs Vorrangstellung gegenüber Sartre zu beweisen
suchen, jeweils wird uns eine qualifizierte - wenn auch vielleicht manchmal
umstrittene - Interpretation von Beauvoirs Werk angeboten. Bei Mary Evans
wird uns statt dessen nicht nur eine Fehlinterpretation, sondern auch eineDeformation
von Beauvoirs Werk zugemutet. [1]Mary Evans, Simone de Beauvoir. Ein feministischer Mandarin, Daedalus Verlag, Münster 1999, Umschlag [2]Mary
Evans, Simone de Beauvoir. Ein feministischer Mandarin, Daedalus
Verlag Joachim Herbst, Münster 1999, S.9
[23]
Simone de Beauvoir, Das Andere Geschlecht. Sitte und Sexus der Frau,Rowohlt,
Hamburg 1992, S. 58
[28]
siehe dazu: Yvanka Raynova, Das andere Geschlecht im postmodernen Kontext,
in: L'Homme. Zeitschrift für Feministische Geschichtswissenschaft,
Böhlau Verlag, Wien, 10. Jahrgang, Heft 1, 1999, S. 80
[36]
Debra Bergoffen, The philosophy of Simone de Beauvoir. Gendered Phenomenologies,
Erotic Generosities, State University of New York Press, Albany, 1997
[38]
Eva Lundgren-Gothlin, Sex and Existence, University Press of New
England, Hannover and London, 1996
[39]
Feminist Interpretations of Simone de Beauvoir, edited by Margaret
Simons, Pennsylvania State University Press, 1995
[40]
Edward Fullbrook and Kate Fullbrook, Simone de Beauvoir and Jean-Paul
Sartre: The Remaking of a Twentieth-Century Legend, New York 1994
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