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Die Theorie der Evolution: Ein Modell für die Geistes- und Kulturwissenschaften?

30. Juni 2011 von Thomas Degener

Die „Theorie der Evolution“ dürfte die in der öffentlichen Rezeption wie auch in ihrer Wirkung auf Geistes- und Sozialwissenschaften derzeit einflussreichste naturwissenschaftliche Theorie darstellen. Wegen ihres weitreichenden Erklärungsanspruchs und ihrer scheinbaren Übertragbarkeit auf andere Phänomene steht sie im Schnittpunkt von Naturwissenschaft, Philosophie und Religion. Innerhalb der Naturwissenschaften, im besonderen innerhalb der Biologie gilt sie – als „Tatsache“ – weitgehend als sakrosankt und nicht mehr weiter diskussionsbedürftig. Bei näherem Hinsehen stellt sich jedoch heraus, dass keineswegs ganz klar ist, was jeweils unter Evolution verstanden wird. Je intensiver man sich mit der Evolutionstheorie auseinandersetzt, desto mehr Fragen stellen sich zudem. Erst seit kurzem werden problematische Implikationen der Evolutionstheorie auch in der Biologie selbst zaghaft diskutiert. Von Anfang an hat die These des „survival of the fittest“ normative Auslegungen provoziert, obwohl sie prinzipiell ganz wertfrei das Angepasstsein an irgendwie geartete Umweltumstände meint. Die offensichtliche Unsinnigkeit der Behauptung einer bloßen Vorteilsorientierung hat die Soziobiologie dahingehend aufzulösen versucht, das Individuum sei einzig bestrebt, seine Gene weiterzugeben. Dieser Ansatz treibt heute jedoch seinerseits die skurrilsten, leicht zu widerlegenden Blüten. Jede Berufung auf „Evolution“ muss also zuerst genau daraufhin geprüft werden, was sie damit in Anspruch nimmt: Dies gilt in besonderem Maße für die Übertragung auf kulturelle Phänomene. Zu unterscheiden wäre grundsätzlich zwischen den (meist brachial simplifizierenden und methodisch unzulänglichen) Versuchen, Evolutionstheorie auf „Kultur“ anzuwenden einer- und Übernahmen evolutionärer Theoriebestandteile in erkenntnis- oder sozialtheoretische Modelle andererseits. Was aber bedeutet das Paradigma der Evolution grundsätzlich für die Philosophie? Was impliziert die Erklärung kultureller Phänomene durch Evolution? Und welches Bild vom Menschen korrespondiert schließlich der These seiner evolutionären Entstehung?

Diskussion zum Vortrag.

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1 Kommentar

Kommentare

  • astein
    schrieb am 09.03.2012 06:28:50…

    dieser vortrag ist ein gutes beispiel fuer die naturwissenschaftliche ahnungslosigkeit so mancher philosophen, die sich, mit einer vehemenz, die augenscheinlich indirekt proportional zu ihrer kompetenz steht, dazu berufen fuehlen, die grenzen der erklaerungsmoeglichkeit von naturwissenschaften zu betonen.

    degeners biologiewissen scheint in den 80ern stehengeblieben zu sein. und auch damals war das feld der evolutionsbiologie schon sehr heterogen und bestand aus mehr als dawkins. von s.j. gould ueber ernst mayr, stuart kauffman bis hin zu denis noble und eva jablonka gibt es innerhalb der evolutionsbiologie, ganz ohne zuhilfenahme billiger strohmannargumente a la degener, eigenes an vielschichtigkeit, die weit ueber dawkins hinausgehen.

    evolutionsbiologie hatte nie und hat auch heute nicht den anspruch, eine fundamentaldisziplin fuer andere wissenschaften zu sein. wo degener diesen anspruch hineininterpretiert? keine ahnung. man wuerde meinen, philosophie bestuende in sorgfaeltiger argumentation fuer oder gegen positionen, die, wenn sie bereits von jemandem publiziert wurden, auch korrekt wiedergegeben werden. nach degeners vortrag hat man fast den eindruck, dass dem nicht so ist - vage vermutungen ueber irgendwas nicht naeher bekanntes reichen offenbar voellig aus, um mal so nebenher, locker vor (aehnlich nichtsahnenden?) philosophenkollegen, ganzen wissenschaftlichen disziplinen die leviten zu lesen.

    ein paar beispiele von degeners unkenntnis: epigenetik steht nicht im gegensatz zu darwin, und auch evo devo ist keine alternative zu darwin. epigenetik hat auch nichts mit "genetischer" weitergabe erworbener merkmale zu tun, darauf weist die vorsilbe EPI vor der GENETIK eigentlich hin. und haette degener begriffen, was darwin mit selektion meint, dann muesste er auch nicht umstaendlich achim bauers pseudoargument von der unwahrscheinlichkeit, dass durch blosse mutation etwas komplexes entsteht, vorbringen. freilich geht ordnung nicht auf zufall zurueck, das ist ja eben die rolle der selektion.

    dass naturwissenschaft sprachlich vermittelt wird, trifft allenfalls auf populaerwissenschaftliche publikationen zu. wer nicht in der lage ist, entsprechende primaerliteratur zu lesen und zu verstehen (die gerade in der evolutionsbiologie schwer mathematiklastig ist, sei es deskriptiv-statistisch, sei es dynamisch-modellierend), und derlei wird eben in journals wie PNAS, science, nature, PLoS etc veroeffentlicht und nicht in infotainment-zeitschriften am bahnhofskiosk, sollte sich vielleicht eher nicht so weit aus dem fenster lehnen wie degener.


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